Kommentar

Inhaltsleerer St.Galler Wahlkampf:
Kein Wunder, geht so niemand wählen

Sollten Sie es noch nicht gemerkt haben: Im Kanton St.Gallen herrscht Wahlkampf. Die Kandidaten verteilen fleissig Gipfeli an den Bahnhöfen. Nur frische Ideen hat fast niemand anzubieten.  

Stefan Schmid
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Stefan Schmid, Chefredaktor.

Stefan Schmid, Chefredaktor.

Bild: Hanspeter Schiess

Gipfeli für die Pendlerinnen. Ein Sattelschutz für Velofahrer. Und überall motivierte Menschen, die von Plakatwänden herablächeln und uns ein «nachhaltiges St.Gallen» oder eine «zukunftsorientierte Bildung» versprechen. Willkommen im Wahlkampf 2020. An Einsatzwillen mangelt es wahrlich nicht. Nur zündende Ideen hat fast niemand anzubieten.

Dabei lägen ein paar grosse Themen förmlich auf der Strasse: Wie viele Spitäler braucht der Kanton? Wie kann die Verkehrsinfrastruktur rasch verbessert werden? Was unternimmt St.Gallen gegen den Klimawandel? Wie stellt die Ostschweiz den wirtschaftlichen Anschluss an die boomenden Zentren Zürich-Winterthur sicher, um die Abwanderung intelligenter Köpfe zu stoppen? Wie kann der Ringkanton eine Politik implementieren, welche die urbanen Wachstumsregionen stärkt, ohne ländliche Gebiete abzuhängen? Und wie könnte der Kanton die Zusammenarbeit in der Ostschweiz und in der Bodenseeregion entscheidend verbessern? Fragen über Fragen. Bloss: Es diskutiert sie keiner. 

Einzige Ausnahme: FDP-Regierungsratskandidat Beat Tinner. Der Werdenberger plädierte in einem Interview für tiefere Steuern für Reiche und forderte forsch eine Politik, welche die Abhängigkeit St.Gallens vom nationalen Finanzausgleich reduziert. Ein umstrittener Plan, gewiss. Aber immerhin hat der Mann einen Plan. 

Die meisten anderen Kandidatinnen und Kandidaten glauben, mit möglichst schwammigen Aussagen eher ans Ziel zu kommen. Das Fatale: Sie haben sogar
recht damit. 

Kantonale Politik hatte es immer schwer, die Menschen hinter den Öfen hervor zu locken. Es fehlen emotionale Themen wie das Verhältnis zu Europa, die Sicherung der Sozialwerke oder die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge – dafür ist der Bund zuständig. Die Wahlbeteiligung ist daher chronisch tiefer als auf eidgenössischer Ebene. 

Mangelt es dann in den Kantonen noch an Politikern, die mit frischen Ansätzen leidenschaftliche Debatten anzustossen vermögen, droht das Publikum gänzlich wegzudämmern.  Na dann gute Nacht, St.Gallen. 

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