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Ich reise, also bin ich

Journalistin Joëlle Weil darüber wieso wir Reisen - oder wieso wir es nicht tun sollten.
Joëlle Weil
Joelle Weil, Journalistin, Tel Aviv/Zürich

Joelle Weil, Journalistin, Tel Aviv/Zürich

Bald ist wieder Ferienzeit. Und Ferienzeit ist Lernzeit. Es ist die Zeit des Jahres, wo wir in uns kehren und uns überlegen, welche Geschichten wir bald erzählen wollen. Wir arbeiten hart, wir arbeiten zu viel. Wir haben es uns verdient, weit weg zu gehen und uns die Welt anzuschauen. Weg von der konsumgesteuerten Gesellschaft, die unsere Seelen und Geister verschmutzt. Wir müssen reisen und schauen, wie es die anderen machen.

«Da waren wir in Südamerika», erzählen wir dann. Wir berichten von der atemberaubenden Natur und haben uns fotografiert, wie wir abenteuerlustig zwei Tage hintereinander dasselbe T-Shirt tragen. Wie wir durch diesen fabelhaften Regenwald laufen und er uns unbemerkt den Mittelfinger zeigt, weil unser Flugzeug auf dem Weg zu einen anderen Kontinent fast 400 Gramm CO2 pro Kilometer ausgestossen hat. Es ist schon wichtig, dass man sich den Flecken Erde anschaut, den man vor die Hunde gehen lässt.

Da gab’s diese tollen Tiere. Diese zahmen Wildtiere, die man so wundervoll anfassen konnte. Man hat schliesslich selbst ein Büsi zu Hause und einen Draht zu Tieren. Nur deshalb waren die Affen wohl so zutraulich. Man muss Tiere eben verstehen, um sich mit ihnen fotografieren lassen zu können. Die Kette stört die Kleinen doch gar nicht, sonst wären sie nicht so lustig und niedlich gewesen. Und das Foto mit ihnen ist so zauberhaft geworden.

Solche Fotos sind wichtig, um Mitmenschen für Tierschutz zu sensibilisieren. Greenpeace glaubt ja keiner mehr. Das eigene Facebook-Bild liefert den ultimativen Beweis, dass Affen herzig und schützenswert sind und wir deshalb Müll trennen sollen. Und da sind immer diese vielen tollen Begegnungen mit wunderbaren Menschen. «Die haben so wenig und sind so glücklich», hört man dann die Reisenden berichten, wenn ein Favela-Kind mit in die Kamera lächelt. Ja, das kann man am besten beurteilen, wenn man selbst dort war und sich fernab des Hotels ein eigenes Bild von den Missständen gemacht hat. Wer glaubt denn noch Amnesty International. Das eigene Bild ist viel bedeutsamer und aufschlussreicher. Es zeigt, dass arme Menschen nicht ständig weinend in der Ecke hocken. Das kann man dann erzählen und selber etwas fürs eigene Leben lernen, wenn man mal wieder ein paar Stunden zu viel arbeiten musste und deshalb untröstlich deprimiert ist. Das ist wirklich eine Lebensschule, dieses Reisen.

Aber am wichtigsten ist es, mal Zeit zum Denken gehabt zu haben. Die Seele baumeln lassen, sagen wir gern. Und das geht am besten in einer fernen Klimazone, wo man ständig dokumentiert, wie anders doch alles ist. Da lernt man fürs Leben, wenn man krampfhaft an nichts denkt und dabei vergisst, den Kopf einzuschalten. All diese tollen Menschen, die so nett waren und auf der Strasse getanzt haben. Wenn man nichts hat, greift man eben zur Gitarre und bewegt sich singend zur Musik. Etwas von dem Spirit müsse man dann unbedingt nach der Ferienzeit beibehalten. Am besten mit dem Chef mal eine Runde Samba vor dem Meeting. So ­machen es die, die nichts haben. Und die sind so glücklich. Die lachen immer. In ihrem Überlebenskampf, der auf unseren Bildern so wunderschön rüberkommt. Wir waren dann quasi einer von ihnen. So farbenfroh.

Und wir sind so klug daraus geworden und können so vieles an Know-how dann weitergeben. Das ist so wichtig, weil sich nicht jeder das Reisen leisten kann. Deshalb gehören wir auch dem klugen Teil der Erde an. Und die anderen bleiben tanzend dumm.

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