Kommentar

HSG-Spesenaffäre: Die Nähe zur Praxis ist auch gefährlich

Die Universität St.Gallen brüstet sich gerne mit ihrer Nähe zur Privatwirtschaft. Ebendiese Nähe kann der HSG auch empfindlichen Schaden zufügen, wie die Spesenaffäre zeigt.

Odilia Hiller
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Odilia Hiller, Leiterin "Ostschweiz am Sonntag" (Bild: Michel Canonica).

Odilia Hiller, Leiterin "Ostschweiz am Sonntag" (Bild: Michel Canonica).

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die Untersuchungen wegen eines gravierenden Falls von Spesenmissbrauch an der Universität St.Gallen richten sich gegen einen Vorzeigeprofessor, der im Namen der HSG eifrig um den Erdball reist – und mit seinen «Nebentätigkeiten» tief in der Privatwirtschaft verwurzelt ist. Und sehr, sehr nahe am ganz grossen Geld steht.

Der Brasilienspezialist, der einen Grossteil seiner Zeit ebenda verbringen soll, berät im Nebenamt seiner Professur für internationales Wirtschaftsrecht anscheinend einen der reichsten Männer der Welt: Jorge Lemann, schweizerisch-brasilianischer Einzelaktionär des weltweit grössten Bierbraukonzerns und ehemaliger Tennisspieler.

Der deutsche Professor Dr. Dr. Peter Sester, der unter Verdacht steht, St.Galler Steuergelder für überrissene Spesenausgaben abgezweigt zu haben, gilt als Spezialist für sehr grosse Familienvermögen. Die Nähe zu Lemann scheint auch in den HSG-Strukturen auf: Jorge Lemanns Stiftung sponsert praktischerweise Sesters Lehrstuhl. Enger verknüpft könnten die beiden Männer beruflich kaum sein.

Wie sehr diese schon für sich genommen pikante Ausgangslage im Interesse einer unabhängigen wissenschaftlichen Forschung in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften liegt, wird zu klären bleiben. Man darf schon jetzt auf die rhetorischen Kapriolen der Institutionen – Kanton und Universität – gespannt sein, um Normalbürgern und Steuerzahlern begreiflich zu machen, warum ein juristischer Berater des reichsten Brasilianers und Inhaber eines von ebendiesem gesponserten Lehrstuhls ausgerechnet dem Kanton St.Gallen mutmasslich horrende Spesen verrechnen musste.

Die Universität St.Gallen ist in diesem Jahr schon zu oft mit strauchelnden Wirtschaftskapitänen in die Negativschlagzeilen geraten: einmal im Zusammenhang mit den – gemäss Finanzmarktaufsicht Finma schwerwiegenden – Verfehlungen ihres Public-Governance-Professors und Ex-Raiffeisen-Verwaltungsratspräsidenten Johannes Rüegg-Stürm sowie der Verhaftung des HSG-Honorarprofessors und Audi-Chefs Rupert Stadler, der in Deutschland wegen des Diesel-Skandals weiterhin inhaftiert ist.

Mit ihrer Nähe zur «Praxis», sprich zur Privatwirtschaft, brüstet sich die HSG gerne. Ebenso mit ihren gesponserten Lehrstühlen und sonstigen «selbsttragenden» Unternehmungen, die den Steuerzahler entlasten und die Forschung und Lehre voranbringen sollen. Doch spätestens jetzt zeigt sich: Ebendiese Nähe kann der Institution auch empfindlichen Schaden zufügen. Vor allem, wenn das Geschäftsgebaren mancher Professoren aus einem Film über korrupte Manager stammen könnte.