Glosse
Wenn der Hort der Freiheit plötzlich abgeriegelt werden soll – die Corona-Irrungen und Wirrungen von SVP-Aeschi

Nach seinen Sommerferien in Südosteuropa pries SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi die Balkanländer wegen ihren lockeren Corona-Massnahmen als Vorbilder für die Schweiz. Jetzt dient ihm die Region wegen der vielen infizierten Reiserückkehrer wieder als Sündenbock.

Christoph Bernet
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Thomas Aeschi (SVP) im Bundeshaus.

Thomas Aeschi (SVP) im Bundeshaus.

Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Ende Juli kehrte der Zuger Nationalrat Thomas Aeschi begeistert von seinen Sommerferien zurück. Ein Roadtrip mit dem Auto führte den SVP-Fraktionschef durch 13 Länder in Ost- und Südosteuropa - vom polnischen Danzig an der Ostsee bis ins albanische Tirana nahe der Adriaküste.

Inlandredaktor Christoph Bernet.

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Britta Gut

Nebst Natur und Sehenswürdigkeiten hatte es ihm der Umgang mit dem Coronavirus in der Region besonders angetan: «In all diesen Ländern ist man praktisch zur Normalität zurückgekehrt», sagte Aeschi gegenüber der «Sonntagszeitung» und pries die Länder als Vorbild für die Schweiz an. Sein Covid-Zertifikat habe er kein einziges Mal vorweisen müssen. Auch Masken habe er kaum je gesehen.

Aeschi forderte den Bundesrat damals dazu auf, die besondere Lage «sofort aufzuheben». Schliesslich gebe es fast keine Corona-Erkrankte auf den Intensivstationen: «Das Risiko einer Überlastung des Gesundheitssystems ist praktisch ausgeschlossen», so lautete Aeschis Prognose Ende Juli.

Mit der Prognose daneben gelegen

In den fünf Wochen seit dieser Aussage hat sich die Anzahl der Covid-Patienten in den Spitälern verachtfacht. «Wir haben keinen Platz mehr», warnte ein Intensivmediziner des Zürcher Unispitals im «Tages-Anzeiger». Bereits müssten erste Operationen verschoben werden. Darunter auch dringende Eingriffe am Herzen oder Tumor-OPs.

Ein Grund für die angespannte Lage sind die Reiserückkehrer. Gemäss der wissenschaftlichen Covid-Taskforce hat sich über ein Drittel der Hospitalisierten in einem Land in Südosteuropa angesteckt. Den Löwenanteil machen Kosovo und Nordmazedonien aus. Somit tragen Ansteckungen in zwei Ländern massgeblich zum drohenden Kollaps des Gesundheitssystems bei, die Aeschi während seinen Sommerferien bereist – und für ihren Verzicht auf Masken und Zertifikat gelobt hat.

Vom Hort der Freiheit zum Sündenbock

Aeschis Reaktion? Gemeinsam mit seiner SVP verlangt er, Reiserückkehrer verbindlich zu testen und allenfalls in Quarantäne zu stecken. Dass überdurchschnittlich vielen Personen mit Migrationshintergrund - insbesondere vom Balkan - auf den Intensivstationen liegen, sei schon lange bekannt. Der Bundesrat verschweige dies aus politischer Korrektheit und bestrafe lieber «die arbeitende Schweizer Bevölkerung» mit verschärften Massnahmen.

Wir fassen zusammen: Vor fünf Wochen waren die Balkanländer Vorbilder für eine vernünftige Coronapolitik. Jetzt sind jene, die sich dort wegen fehlender Massnahmen angesteckt haben, die Sündenböcke. Der Balkan mag für einen SVP-Politiker in den Sommerferien als Hort der Freiheit gelten. Den Rest des Jahres dient er dem üblichen Zweck: Dem Schüren von Feindbildern.

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