Gastkommentar
Nabelschau schadet der Schweiz, es braucht Welt-Wissen

Hochnebel, Lockdown und mässig erbauliche Debatten um Transgender* und Burka trüben die Stimmung im Land. Es gibt aber auch Licht - Anzeichen von Aufbruch und Weitsicht.

Thomas Kessler
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Thomas Kessler führt ein Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Migration, Integration und Sicherheitsfragen. Er ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media.

Thomas Kessler führt ein Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Migration, Integration und Sicherheitsfragen. Er ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media.

Beide Kammern im Bundeshaus wollen das Stimmrechtsalter 16 prüfen und so das heutige Durchschnittsalter der Abstimmenden von 57 Jahren leicht senken. Was revolutionär tönt, ist allerdings eher die Wiederentdeckung der ursprünglichen Ordnung. In Glarus funktioniert 16 bestens, Uri prüft es, im Mittelalter war es an den Landsgemeinden bei 14 – dem Alter der Waffenfähigkeit. (Meine Wenigkeit begann mit 14 die Bauernlehre, mit Traktor-Billett – und Steuerpflicht in Denezy VD). Mit 15 gibt es das Sturmgewehr für die Jungschützen und mit 16 kommt die religiöse Mündigkeit. Die politische Mitwirkung für Motivierte passt da bestens dazu, es braucht niemand Angst zu haben.

Wesentlicher ist das zweite Licht am Horizont –- endlich Klartext zu China. Im NZZ-Folio und in dieser Zeitung sind aufschlussreiche Artikel mit Ralph Weber erschienen, Professor am Europainstitut der Universität Basel. Er legt anschaulich dar, wie das autoritäre chinesische Regime systematisch Propaganda betreibt, Kontakte knüpft, Verbindlichkeiten schafft, Kontrolle ausüben will und über Käufe und Kooperationen das Wissen abzieht. Die Resultate der Spitzenforschung am Paul-Scherrer-Institut in Villigen AG, mit unseren Steuergeldern finanziert, findet über die wissenschaftliche Kooperation den Weg nach China und wird dort für den gigantischen Inland-Markt kommerzialisiert. Danach wird damit der Weltmarkt erschlossen und unsere Hersteller unterboten.

Wenn die Chinesen jemanden eine «hinterlistige Person» nennen, kann das auch ein Kompliment sein

Die Aufklärung durch den Experten zeigt Wirkung: Die chinesische Botschaft nennt Weber eine «hinterlistige Person», was allerdings auch als Kompliment verstanden werden kann. Die List ist in China seit kaiserlicher Zeit eine Kunst, die berühmten «36 Strategeme des Generals Tan Dalji» sind ausgefeilte Tricks und Täuschungen für Militär und Business. Nicht selten zu raffiniert für naive Westler.

Weber hat in seinen Arbeiten akribisch zusammengefügt und kommentiert, was an sich öffentlich ist, bisher aber wenig beachtet wurde. Die mangelhafte China-Kompetenz in der Schweiz ist das Symptom des generell schwachen Welt-Wissens. Bundesbern verfügt zwar über Experten, doch verstreut auf diverse Ämter.

China setzt umgekehrt für jeden Aspekt ganze Institute ein, zur Analyse der Forschung, Firmen, Behörden. Alleine die Administration der Einheitsfront umfasst über eine halbe Million Fachleute. Sie gehört zu den Instrumenten der Kommunistischen Partei, welche effektiv von einer kleinen, ausgesuchten Elite im Land gebildet wird. Über 93 Prozent der Bevölkerung sind parteilos. Wenn Mitglieder der Partei-Elite in unseren Konsulaten, Hochschulen und Firmen arbeiten, ist das eben nicht ihre Privatsache. Umgekehrt haben viele Nichtmitglieder ganz ehrenwerte Gründe für ihren Aufenthalt bei uns.

Liberale Demokratien können nur gemeinsam gegen globale Grossmächte und Despotien bestehen

Es braucht also viel Expertise, um im komplex gewordenen Wettbewerb und Konkurrenzkampf der Systeme aus solider Position handeln zu können. Für die liberalen Demokratien geht das nur noch gemeinsam, die globalen Grossmächte und die Despotien in Vorderasien kämpfen mit harten Bandagen.

Das zwingt uns, auch die interne Herausforderung anzunehmen: Wie weit treiben wir Handel mit autoritären Regimes, wie weit wollen wir von Lohnunterschieden profitieren, wie weit wollen wir uns dafür abhängig machen? Billigprodukte im Alltag und fehlende Masken, Desinfektionsmittel und Medikamente in der Krise lassen grüssen.

Gut ist der Realismus jetzt wieder präsent. Man darf auf die China-Strategie des Bundes gespannt sein.