Gastkommentar
Holocaust-Gedenktag: Nie vergessen, was damals geschah

Vor 76 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Das Erinnern an diesen Tag und an den Holocaust allgemein ist bedeutsam. Nun, da die letzten Zeitzeugen leider sterben, braucht es neue und auch verstärkte Ansätze in der Erinnerungskultur.

Anita Winter
Anita Winter
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Anita Winter ist Präsidentin der Stiftung Gamaraal, welche in der Schweiz Überlebende des Holocaust unterstützt.

Anita Winter ist Präsidentin der Stiftung Gamaraal, welche in der Schweiz Überlebende des Holocaust unterstützt.

«Die Menschen haben aus dem Holocaust nichts gelernt». Nachdenklich war mein Vater, Walter Strauss, am Ende seines Lebens. In Berlin hatte er die Gräuel der Reichspogromnacht erlebt. Nur dank der Flucht in die Schweiz war er damals der Vernichtung entgangen. Auch wenn er hier ein gutes Leben aufbauen konnte; die Angst, dass die Normalität nur vorübergehend sei, ist geblieben, wie sich auch die Angst über die Jahre verstärkt hat, dass sich alles wiederholen könnte. Im vorletzten Jahr ist mein geliebter Vater verstorben.

Rund um die Welt verstummen nach und nach die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Und bei denen, die noch leben, schwindet die Kraft, uns Orientierung in dieser Frage zu geben. So werden wir neue Mittel und neue Wege finden müssen, um zu lehren und um zu lernen.

Denn notwendig ist dies heute mehr denn je: Auf vielen Pausenplätzen wird das Wort «Jude» wieder als Schimpfwort gebraucht, rechtspopulistische Parteien feiern Erfolge, Neonazis und Islamisten bedrohen oder ermorden Juden – hier in Europa, wo vor 76 Jahren Auschwitz befreit worden ist. Gerade auch die aktuelle Krise, die Corona-Pandemie mit den verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen, hat den Antisemitismus in Form kruder Verschwörungstheorien wiederaufflackern lassen.

Erinnern, verstehen, handeln

Ich bin überzeugt: wir können diesem Hass etwas entgegenstellen – und zwar die Erinnerung. Wir können etwas verändern, wenn auch die nächste Generation vom Holocaust noch weiss.

Es geht darum, Kinder und Jugendliche zum kritischen Denken anzuregen. So dass sie erkennen, dass der Holocaust sinnbildlich für Mechanismen steht, die sich unter bestimmten Voraussetzungen jederzeit wiederholen können. Sie sollen verstehen, dass es Handlungsoptionen gibt, wenn Menschen aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Herkunft, sexuellen Orientierung oder politischen Ansicht ausgegrenzt und verfolgt werden. Wir müssen aufzeigen, was Menschlichkeit bedeutet.

Das Erinnern an den Holocaust geht also mit einer wichtigen historisch-politischen Bildung einher. Oder anders gesagt: Wer vom Holocaust nichts weiss, versteht nicht, wie fragil eine Demokratie letztlich ist. Er versteht nicht, wie aus einer Demokratie eine Diktatur entstehen kann. Er versteht nicht, dass man die Demokratie und die Menschenrechte verteidigen muss und verteidigen kann. Dies müssen wir den Jugendlichen erklären. Es ist unsere Verpflichtung gegenüber den letzten Zeitzeugen.

Holocaust-Education stärkt Demokratie und Rechtsstaat

Dieses historische Lernen braucht kultursensible Formen des Erinnerns. Gerade auch Kinder mit einem Migrationshintergrund haben oftmals Anknüpfungspunkte, um die Geschichte des Holocaust zu verstehen. Vertreibung und Flucht sind Themen, welche sie aus eigener Erfahrung kennen. Es braucht zweitens eine Bewegung hin zum digitalen Lernen. Wir müssen uns vermehrt dort bewegen, wo sich junge Menschen heute befinden. Im Internet. Das heisst, wir müssen die Geschichten der letzten Überlebenden konservieren, aufnehmen also, und digitalisieren. Wenn wir diese Arbeit jetzt nicht machen, ist es zu spät. Drittens: Es braucht einen Ort des Gedenkens und Erinnerns. Solch ein Gedenkort wäre ein wichtiges Bekenntnis von staatlicher Seite, das aufzeigen würde, was unsere Schweiz ausmacht, wie wir sein wollen, als Staatsbürger, vor allem aber – als Menschen.

Es geht darum, nie zu vergessen, nie gleichgültig zu sein und nie zu schweigen, nie! In einem Punkt – wünsche ich uns – soll mein Vater nämlich nicht recht behalten, dass die Menschen aus der Geschichte nichts gelernt hätten.

Anita Winter ist Präsidentin der Stiftung Gamaraal, die in der Schweiz Überlebende des Holocaust unterstützt und sich im Bereich der Holocausterziehungsarbeit engagiert. Die Stiftung hat zusammen mit dem AfZ der ETH Zürich den Dr. Kurt Bigler Preis für hervorragende Projekte im Bereich der Holocaust Education erhalten.Für weitere Informationen: www.last-swiss-holocaust-survivors.ch