Gastkommentar
Freiheit gibt es nur mit Widerspruch

Medien informieren, ordnen und aufdecken und Kultur hält uns den Spiegel vor, verbindet und schafft neue Realitäten. Für eine funktionierende Gesellschaft sind beide nötig. Sie irritieren die Regierenden. Und wenn eine der Kräfte gestört wird, wird es kritisch für die Freiheit.

Susanne Wille
Susanne Wille
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Wie ein musikalischer Flashmob und das Verfassen eines journalistischen Artikels zusammenhängen, möchte ich in den nächsten Minuten aufzeigen. Im April zogen die «Reporter ohne Grenzen» ihre jährliche Bilanz. Gemäss dieser ist in fast drei Vierteln der untersuchten 180 Länder der unabhängige Journalismus behindert, blockiert oder eingeschränkt. Das macht hellhörig.

Wenn die Pressefreiheit eingeschränkt ist, ist die Freiheit grundsätzlich in Gefahr. Denn wenn Dinge unsagbar, unschreibbar, unthematisierbar werden, bereitet das den Weg zur Willkür. Zudem – und das ist mein Punkt in dieser Kolumne:

Wenn Journalistinnen und Journalisten bedroht, bedrängt und angegriffen werden, dann ist damit immer auch die Kultur bedroht, bedrängt und angegriffen.

Denn letztendlich sind es die Medien, die informieren, aufdecken, einordnen und es ist die Kultur, die uns Spiegel vorhält, verbindet oder neue Realitäten schafft. Beide Auflistungen sind nicht abschliessend. Der gemeinsame Nenner aber ist klar: So wichtig beide Kräfte für eine funktionierende Gesellschaft sind, so bedrohlich und zersetzend können sie für repressive Regierungen sein oder für jene, die keinen Widerspruch dulden. Freiheit aber gibt es nur mit Widerspruch. Das eine bedingt quasi das andere.

Wenn wir hierzulande aktuell eine vorsichtige Öffnung des kulturellen Lebens erfahren, dann wissen wir, Kulturschaffende dürfen und sollen aufrütteln, zum Nachdenken anregen oder die Lupe schonungslos auch auf heikle Punkte legen. Nur ist dies an anderen Orten alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

So zeigten wir kürzlich in einem Dokumentarfilm aus Belarus, wie Sängerinnen und Sänger mit Musik gegen Machthaber Lukaschenko antreten. Sie singen in der Öffentlichkeit, organisieren musikalische Flashmobs, sie singen an den Protestmärschen und riskieren dabei Festnahmen, Haftstrafen, Geldbussen, Kündigungen. Sie proben im Geheimen, kennen nicht mal die richtigen Vornamen der Chor-Mitglieder, denn sie müssen stets auf der Hut sein. Filmemacher Roman Schell zeigt weiter, wie Open-Air-Konzerte in Hinterhöfen zum Symbol für den Kampf um Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte.

Kultur hat viele Gesichter, eines der stärksten ist der Widerstand

Ein weiteres Beispiel: Der heute in der Schweiz lebenden Schriftsteller Usama Al Shamani tauschte sich im Irak heimlich mit Seinesgleichen aus, man habe sich unter dem Tisch Manuskripte zum Lesen gegeben. Ein regimekritisches Theaterstück zwang ihn vor zwanzig Jahren zur Flucht. Der Journalistin Martina Rutschmann erzählte er, wie Lesende und Schreibende für die Regierung im Irak als gefährlich, verdächtig galten. Allgemein gilt in dieser Debatte: verdächtig ist grundsätzlich alles, was möglicherweise die Ordnung stören könnte.

So wie die Bilder der Fotografin Newsha Takolian, die ich im Iran kennengelernte. Sie präsentierte mit ihren Arbeiten, die sie im Ausland veröffentlicht, weil die Bilder zeigen, was man offiziell in der islamischen Republik nicht sehen darf: Randständige mit Problemen, zum Beispiel oder Junge, die Regeln brechen.

Sie sagte mir, es sei ihr bewusst, dass sich eine Gesellschaft nicht von heute auf morgen verändern würde, aber sie wolle zeigen, was sei. Der Schriftsteller Usama al Shamani sagt: «Die Literatur ist die einzige Möglichkeit, Gedanken zu verändern, die Welt zu verbessern und die Zukunft zu gestalten.» Wenn man die Sängerinnen und Sänger in Belarus fragt, warum diese kulturelle Aktionen, hört man: «Beim Singen fühle ich mich frei», «Wir müssen weitermachen, egal, wie müde wir sind.»

Meidenfreiheit und freie Kultur sind demokratierelevant

Ob Singen, Schreiben oder andere Formen der kreativen, kulturellen Kritik: Es geht darum, die Freiheit zu haben, Bestehendes hinterfragen zu dürfen, ein kritisches Bewusstsein zu schaffen, Debatten anzustossen. Die Freiheit der Presse und die der Kultur hängen somit zusammen.

Die vierte Gewalt und die Kultur sind Gradmesser für den Zustand, für die Robustheit einer Gesellschaft. Beide Kräfte sind als wertvolles Gut demokratierelevant.

Also ist es auch unsere Aufgabe, genau hinzuschauen, wo und wie sich in unserer Länder-Umgebung, in einer in sich verbundenen Welt, eben diese Freiheiten bedroht sind.

Susanne Wille ist Abteilungsleiterin Kultur bei SRF und Mitglied der Geschäftsleitung von SRF.

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