Gastkommentar
Ein Influencer aus Nazareth: Wofür steht Jesus Modell? Was bietet er seinen Followern?

Kim Kardashian hat 192 Millionen Follower. Jesus aus Nazareth hat 2 Milliarden Follower. Obwohl man nicht recht weiss, was denn eigentlich «sein Produkt» ist.

Josef Hochstrasser
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Josef Hochstrasser war katholischer Priester, dann reformierter Pfarrer und Religionslehrer. Autor von mehreren Büchern. Zuletzt: Die Kirche kann sich das Leben nehmen (2017).

Josef Hochstrasser war katholischer Priester, dann reformierter Pfarrer und Religionslehrer. Autor von mehreren Büchern. Zuletzt: Die Kirche kann sich das Leben nehmen (2017).

Influencerinnen und Influencer haschen nach Aufmerksamkeit. Etwa Kim Kardashian. Das US-amerikanische Supermodel hat 192 Millionen Follower. Mit ihrer Modekollektion und ihrer Selbstdarstellung macht sie Millionen. Man kann sich über Twitter an sie wenden. Nur, wer hat schon je eine Antwort von seinem Idol Kardashian bekommen?

Weihnachten naht und damit die Erinnerung an einen ganz anderen Influencer. Kein Model. Eher ein Modell. Frei von Geldgier und Buhlen um Nachahmer. Doch er schlägt locker seine besten Konkurrenten der Gegenwart. Jesus aus Nazareth hat über zwei Milliarden Follower. Man kann zwar auch versuchen, mit ihm in Kontakt zu treten. Mit einem Gebet etwa. Doch die Chance, dass er antwortet, dürfte noch kleiner sein als bei Kim Kardashian. Jesus ist nicht auf Facebook. Er ist seit zweitausend Jahren tot. Wer glaubt, Jesus spreche mit ihm, bildet sich wohl etwas ein.

Was ist das «Produkt» von Jesus von Nazareth?

Die Fans Kardashians wissen ganz genau, was ihr Idol anbietet. Sie eifern ihm nach, kopieren es blind, identifizieren sich mit ihm. Mit dem Influencer Jesus ist es nicht ganz so einfach. Zwar gibt es im fundamentalistischen Lager Fans, die ihrem Meister Jesus blind folgen. Die kritische Frage muss aber erlaubt sein: Ist ihnen klar, was sie genau befolgen wollen? Worin besteht denn das «Produkt» des Jesus aus Nazareth? Ist es Erlösung? Askese? Menschlichkeit? Die Revolution? Der Influencer Jesus hat Follower aus den unterschiedlichsten, weltanschaulichen Lagern. Sekten beziehen sich auf ihn. Papst Franziskus ebenso. Auch die Befreiungstheologen. Selbst Feministinnen reklamieren ihn für ihre Anliegen. Es scheint, er könne für alles instrumentalisiert werden.

Wofür steht Jesus Modell? Was bietet er seinen Followern? Er hat ja nichts aufgeschrieben. Was er wirklich gesagt hat, bleibt verborgen. Sein «Produkt» ist nirgends zu kaufen. Steht doch alles in der Bibel, wird mir entgegnet. Böse Zungen könnten sagen: Die Bibel ist Fake News. In der Tat, jene, welche die Bibel schrieben, haben Geschichten erdichtet und damit ihren Glauben an Jesus bezeugt. Mythen, allerdings mit weisem Inhalt. Doch diese Glaubenszeugnisse legen keinen historisch unwiderlegbaren Rapport vor. Niemandem ist es gelungen, eine einwandfreie Biografie Jesu zu schreiben. Arme Christen! Als Follower scheinen sie im Dunkeln zu tappen und bei Licht nicht genau zu wissen, wem sie da folgen sollen. Jesus oder Christus? Der Unterschied ist riesig. Jesus ist der Mann, der wirklich gelebt hat, Christus das «Produkt», das Theologen, Kirchenfürsten, Politiker und Laien ohne Zahl aus ihm erstellt haben. Der geschichtliche Jesus würde sich in «Christus» womöglich nicht wiedererkennen.

Das geistige, emotionale, körperliche und soziale Wohl aller Menschen

Ganz so vertrackt ist es aber doch nicht. Das Einzige, was historisch gewiss ist: Jesus endete als Verbrecher am Kreuz. Römer haben ihn ermordet, nicht Juden. Pontius Pilatus sah klar: Dieser Jude ist gefährlich. Er will eine andere Gesellschaftsordnung. Also muss er weg. Der römische Statthalter hat das «Produkt» des Influencers Jesus deutlich erkannt. Er hat auch begriffen, wie sehr dieser Menschen zu beeinflussen weiss. Der Wanderprediger wollte das geistige, emotionale, körperliche und soziale Wohl aller Menschen. Das war und ist heute noch sein «Produkt». Eine gesellschaftspolitische Sprengkraft.

Kim Kardashian lockt ihre Followers, um Geld zu machen. Das Model will keine kritischen Fans. Jesus wollte kein Geld. Um Follower hat er sich allerdings auch bemüht. Er zog alle Register, für sein humanistisches «Produkt» zu werben. Als Influencer hat er die Menschen beeinflusst, aber transparent, mit Überzeugung und ohne sie von sich abhängig zu machen. Während Supermodel Kardashian ihre Fans nicht zu kreativem Tun zu bewegen vermag, können Anhänger Jesu zu Weihnachten nicht einfach auf der Tribüne sitzen und die einstigen, grandiosen Taten ihres Influencers beklatschen. Jesus kann keine inaktiven Followers gebrauchen. Diese haben ihre bequemen Sitzplätze zu verlassen, sich auf das Spielfeld zu begeben und sich dort zu bewähren.

Nominell hat der arme Mann aus Nazareth mehr als zwei Milliarden Follower. Wie manchem von ihnen geht es aber darum, dessen «Produkt» umzusetzen? Wer ihn zu Weihnachten bloss begeistert beweihräuchert, rückt bloss in die Nähe der Follower von Kim Kardashian.