Gastkommentar

Kultur ist freuderelevant – und deshalb auch ein bisschen systemrelevant

Wichtige Dinge sind systemrelevant. Sie werden gebraucht, um das System am Laufen halten. In der Krise braucht es aber auch andere wichtige Dinge. Auf sie macht uns «corona» aufmerksam. So heisst die Fermate, die musikalische Pause, im Italienischen.

Susanne Wille
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Susanne Wille leitet die Abteilung Kultur bei SRF und ist Geschäftsleitungsmitglied SRF und 3sat.

Susanne Wille leitet die Abteilung Kultur bei SRF und ist Geschäftsleitungsmitglied SRF und 3sat.

Was hat ein Berliner Clubbesitzer mit einem Dirigenten und somit mit uns allen zu tun? Mehr, als man vielleicht vermuten könnte. Und warum soll dies für 2021 relevant sein? Weil es um unser Zusammenleben geht. Klingt zu pathetisch? Mag sein. Aber gerade am Anfang eines neuen Jahres haben wir doch das Recht, leidenschaftlich für etwas einzustehen.

Da ist also der Berliner Clubbesitzer, der in der Coronakrise sagte, er verstehe absolut, dass er seinen Laden schliessen müsse. Er wünsche sich nur, dass man künftig anerkenne, dass es neben systemrelevanten Berufen (wie dem Pflegepersonal beispielsweise) auch «freuderelevante» Berufe gebe. Er wollte damit nicht das eine gegen das andere ausspielen, sondern darauf hinweisen, dass alles zusammen wichtig sei, damit wir als Gesellschaft die anspruchsvolle Zeit schaffen.

Wenn wir diesen Kultur-Aspekt nun weiterdenken: Welche Bücher haben uns die letzten Monate begleitet? Welche Filme haben uns getragen? Welche Musikstücke? Wie oft hat uns Kultur - egal in welcher Form – gestärkt, die aktuelle Situation leichter bewältigen lassen?

Eine der einfachsten Definitionen, was denn Kultur eigentlich ist, stammt von der britischen Musikerin Clemency Burton Hill, die sagt, dass wir alle Momente brauchen, in denen wir staunen können, in denen wir über uns hinauswachsen, in etwas Grösserem aufzugehen vermögen.

Ohne Fermaten gibt es keine musikalischen Meisterwerke

Aber ich schweife ab. Dabei müsste ich längstens zum Dirigenten kommen, denn die Zeichen dieser Kolumne sind begrenzt. Nun: Im Rahmen der Serie «Leben im Jetzt» - es war eines der Zusatz- und Sonderprogramme von SRF-Kultur rund um Corona - wollten wir wissen, wie die Menschen sich neue Alltagsstrukturen schaffen, wie sie mit der ausserordentlichen Lage umgehen. Mario Venzago, Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters, verbrachte den Shutdown im Frühling mit Komponieren, räumte seine Partituren um, weil die Schränke aus allen Nähten platzten. Er sagte, dass Zwangspausen manchmal nötig seien und sah eine Parallele zum Ruhezeichen in der Musik, zur Fermate: «Ohne Fermaten gibt es keine Meisterwerke. Im Italienischen heisst es nicht ‹fermata›, sondern ‹corona› und ist eben ein Zeichen zum Innehalten. Und hier stoppt alles. Hier muss man gut aufpassen, obwohl nichts passiert. Lasst uns die Fermaten respektieren, denn meist geht es danach nicht gleich weiter wie vorher.»

Venzago stellt also zwischen der Coronakrise und der musikalischen «corona» einen Zusammenhang her und mahnt uns, dass es nach dem Stillstand oft Veränderungen gebe, dass wir uns nach der Pause achten müssten, was denn anders geworden sei.

Und hier kommt wieder die Bedeutung der Kultur ins Spiel. Denn wie so oft sind es Kulturschaffende, Autorinnen, Maler, Künstlerinnen, Musiker, Dichterinnen, die die Zeitströmungen oder Werteverschiebungen wahrnehmen, feine Veränderungen im gesellschaftlichen Zusammenleben beobachten.

Mehr noch: Kulturelle Werke sind auch kollektives Gedächtnis. Gerade in Krisenzeiten. Da gibt es zahlreiche Kurzfilme, die unseren Corona-Alltag dokumentieren, wie jener von Luise Hüsler, der zeigt, was Corona mit dem Familienleben machte. Da gibt es die Hör-Collage von Jackie Brutsche, einer Künstlerin, die Gesprächsfetzen, Stimmen von Menschen zu Corona zu einem Klangwerk verwebt. Da gibt es entsprechende Gedichte, Kunstwerke, Lieder, Texte.

Kulturwerke stellen nach dem Stillstand die provokativen Fragen

Nun will ich aber noch ausführen, was dies alles mit unserem Zusammenleben zu tun hat. Nun: Diese Formen der Verewigung sind nicht nur für unsere Geschichte von Bedeutung, sie sind gleichzeitig eine Art Überwindung. Erst wenn Kulturschaffende unsere Welt im und nach dem Corona-Stillstand (nach Venzagos «corona»-Ruhezeichen) dokumentieren, provokative Fragen stellen, Umbrüche sichtbar machen, wird all das, was wir erleben, greifbarer. Wir sind uns bewusst: Nur eine Gesellschaft, die sich selber vergewissern kann, ist eine lebendige Gesellschaft, nämlich eine, die sich so auch selbstkritisch ständig zu erneuern weiss.

In dieser Funktion ist Kultur nicht nur freuderelevant, sondern auf eine andere Art irgendwie systemrelevant. Es geht um das Gefüge, die Identität, das Miteinander. Was wir also den Kulturschaffenden - auch im anspruchsvollen 2021 schulden, – ist, ihr Wirken zu wertschätzen und uns auf all das freuen, was sie uns im neuen Jahr offenbaren werden.