Gastkommentar
Burka-Verbots-Initiative: Intellekt und politische Sympathie helfen da nicht viel

Die vorgebrachten Pro- und Contra-Argumente sind fast alle nachvollziehbar. Und für den Bauchentscheid sollte man die Stimmen der Betroffenen hören können.

Esther Girsberger
Esther Girsberger
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Benjamin Manser

Als politisch und gesellschaftlich interessierte Frau erlebe ich es äusserst selten, dass das Abstimmungscouvert eine Woche vor dem Abstimmungstermin noch nicht gefüllt und abgeschickt ist. Wenn das heute der Fall ist, ist dies der Initiative «Ja zum Verhüllungsverbot» (sog. Burkaverbots-Initiative) zuzuschreiben. Selten habe ich mich so eingehend mit einer Vorlage auseinandergesetzt. Und selten halten sich die Pro und Contra-Argumente so die Waage – zumindest für mich.

Ebenso selten habe ich eine Abstimmungsvorlage erlebt, die parteiübergreifend und vor allem unter den Frauen so heterogen und so heftig diskutiert wird. Unzählige Expertinnen haben juristische, soziologische, historische, religiöse, kulturelle Argumente vorgebracht, die bei einer scheuklappenlosen Betrachtung fast alle nachvollziehbar sind. Der Intellekt oder politische Sympathien helfen beim Entscheid, ein Ja oder Nein in die Urne zu legen, für einmal nur sehr bedingt.

Der Bauchentscheid wäre für ein Ja

Worauf also soll ich mich abstützen? Wenn ich auf den berühmten Bauchentscheid höre, ich würde das Verbot annehmen. Es widerstrebt mir als Frau, Frauen in so unvorteilhafter Kleidung zu sehen, sofern man diese Hülle überhaupt als Kleidung bezeichnen kann. Es widerstrebt mir, einer Frau nicht ins Gesicht sehen zu können, ihre Emotionen nicht zu deuten, ihre Identität nicht feststellen zu können. Es widerstrebt mir als Frau, die das unverhüllte Gesicht als Merkmal aufgeklärter Menschlichkeit versteht, solchen Frauen auf Augenhöhe begegnen zu können.

Bauchentscheide setzen meiner Meinung nach aber voraus, dass ich die Antwort auf meine Unsicherheit nicht durch direkt Betroffene erhalten kann. In der Schweiz bin ich zwar noch nicht leibhaftig einer Burka-Trägerin begegnet, ausser Touristinnen auf der Bahnhofstrasse oder in einschlägigen Touristengebieten. Aber ich konnte – viel zu selten, weil es sie eben fast nicht gibt, die Burka-Trägerinnen in der Schweiz – Interviews mit ihnen lesen. Sie sagen, sie würden die Burka freiwillig tragen. Sie sagen das immer wieder, über Jahrzehnte hinweg. Die französische Soziologin Agnès De Féo hat rund 200 Burka-Trägerinnen interviewt und viele von ihnen über mehr als zehn Jahre hinweg immer wieder befragt, wie in der NZZ vom 25. Februar zu lesen ist. Die meisten von ihnen tragen die Burka nach wie vor.

Aber darf man jemandem etwas vorschreiben, was sie nicht will?

Wenn wir Frauen die Meinung anderer Frauen ignorieren bzw. ihnen ihre eigene Meinung nicht abnehmen, ohne dass wir je mit einer der Burka-Trägerinnen gesprochen und uns nicht einmal die Mühe gegeben haben, eine direkt zu befragen oder in Ermangelung einer persönlichen Begegnung wenigstens Interviews mit ihnen gelesen zu haben, ist das frauenverachtend. Mag sein, dass sich nicht alle Burka-Trägerinnen freiwillig der Kleidungsvorschrift unterwerfen. Mag sein, dass das Burka-Tragen wenig mit Glauben, aber viel mit Ideologie zu tun hat. Mag sein, dass die Burka ein Symbol für die unterdrückte Frau ist. Aber als westliche Frau einer Frau mit anderem kulturellen Hintergrund oder einer Konvertitin in der Schweiz vorzuschreiben, dass sie sich von der Burka befreien muss, obwohl sie das nicht will, erachte ich als anmassend und übergriffig. Selbst wenn eine dermassen verhüllte Muslimin sich niemals ins Leben der Schweiz integrieren wird.

Also lehne ich die Initiative doch ab. Nicht aus feministischen Gründen, sondern wegen der individuellen Freiheit und aus Gründen der Toleranz und Akzeptanz gegenüber einem Menschen. Selbst wenn dieser dabei gesichtslos bleibt.