Gastkommentar
Anständig und inspiriert geht es auch – und besser

Kinderstube, Gelassenheit und politische Kultur

Thomas Kessler
Thomas Kessler
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Tellplatz-Gespräche am Dienstag: Ein gutes Beispiel für eine gepflegte Diskussions- und Debattenkultur.

Tellplatz-Gespräche am Dienstag: Ein gutes Beispiel für eine gepflegte Diskussions- und Debattenkultur.

Kenneth Nars

Kurz vor den heiligen Pfingsten musste Bundespräsident Guy Parmelin ganz irdisch zur Mässigung rufen. Der politische Streit um ein Thema wie Trinkwasserqualität veranlasst Anonyme, Exponentinnen wie die Fribourger Ständerätin Céline Vara oder gleich die ganze Familie der Initiantin Franziska Herren mit dem Tode zu bedrohen. Die ernstzunehmenden Drohungen gegen Magistratspersonen haben in einem Jahr von 240 auf 885 zugenommen. Vandalen zerstören massenhaft politische Plakate. Die Ver­rohung, beschleunigt durch die Blasen-Communitys in den Social Media – und offenbar auch durch die Belastung von inzwischen 18 Monaten Pandemie plus Dauerregen – führt zu verstörenden Exzessen.

Auch Einzelne, die sich in der Selbstwahrnehmung für das Gute und Gerechte einsetzen, sind aus dem Tritt geraten. In Basel hat eine junge Onlinezeitung, von einer Stiftung finanziert, zur Denunziation aufgerufen. Man solle belastendes Material gegen eine in Deutschland angeklagte Person, die früher im Ort tätig war, sammeln. Immerhin hat sich die Zeitung für diesen Rückfall in die Vor-Aufklärung entschuldigt. Ironischerweise steht sie Fairmedia nahe, einer Organisation, die sich für faire Medienarbeit einsetzt.

Belästigungen, Übergriffe, Dämonisierungen

Konkrete Vorfälle mit Belästigungen und Übergriffen gab es hingegen in einem anthroposophisch geprägten Treffpunkt und in einem alternativen Restaurant. Sie erinnerten an die Probleme der Unia-Gewerkschaft mit einem ihrer Exponenten. Oder schlicht an das, was einem die Lebensrealität lehrt: Wo gerne moralisiert wird, schaue man besser zweimal hin. Die schwierige Geschichte der kirchlichen Institutionen im Umgang mit Kindern lässt grüssen.

Zu den Irrungen gehört auch die Dämonisierung der politischen Gegner, oder ganzer Teile der Gesellschaft. An einer Immobilien-Gant haben Protestler die ausländischen Fachkräfte für die lokalen Herausforderungen verantwortlich gemacht: «Xpats go home». Noch schriller die Chefin der Juso Baselland: «Keinen ÖV für superreiche Parasiten». Geschichtskundige hats geschaudert, andere amüsiert. Die Milliardärinnen der Nordwestschweiz sind für ihren bescheidenen Lebensstil und ihr Mäzenatentum bekannt – unter anderem für Kultur, gemein­nütziges Wohnen und Medienvielfalt.

Weniger skurril sind die üblen Hetzereien in den Social Media gegen Politiker, die im jüngsten Konflikt im Nahen Osten Verständnis für Israel zeigten. Medien und Parteien haben insgesamt jedoch gute Arbeit geleistet, die Ausdifferenzierung von Machtpolitik, Kultur und Religion ist den meisten geglückt.

Bedächtige Gelassenheit – mit träfen Sprüchen

Diese Sorgfalt sollte wieder Standard werden. Für eine reife Diskussionskultur und funktionierende Gemeinschaft braucht es Vernunft, Wettbewerb der Argumente, Respekt vor Minderheiten und Andersdenkenden, Anstand – und dazu: Esprit und Gelassenheit. Bedächtige Gelassenheit, kombiniert mit träfen Sprüchen, war einst das Merkmal helvetischer Politkultur. Ausländische Gäste waren darob begeistert. Witz in der Debatte ist ohnehin die Krönung einer guten Auseinandersetzung – das Gegenteil von dröger Rechthaberei.

Die Erkenntnis, dass die politische Gegnerin auch ein bisschen recht haben könnte, die Welt nicht nur schwarz-weiss, sondern oft grau ist, und es in der Politik die absolute Wahrheit nicht gibt, sondern nur mehr oder weniger gute Positionen, ist die Basis des schweizerischen Erfolgsmodells.

In den Gemeinden und Quartieren kann diese Kultur im direkten Austausch gepflegt werden. Wieder ein Beispiel aus Basel: Ab Juli finden jeden Dienstagabend die Tellplatz-Gespräche statt. Letztes Jahr kamen stets etwa fünfzig Interessierte, von der Juso bis zur SVP – zum offenen, häufig witzigen Austausch. So geht’s!