Gastbeitrag
Die neue Orgel spielt in der Stadt

Städte-Skeptiker haben nicht begriffen, was das Städte-Leben so wertvoll macht.

Esther Girsberger
Esther Girsberger
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Die Innenstadt von Zürich.

Die Innenstadt von Zürich.

Keystone

Hier schreibt ein Stadt-Kind. Ich bin also voreingenommen, wenn ich diesen von der SVP geschürten Konflikt zwischen Stadt und Land kommentiere. Kleine oder grosse Städte bilden meine Biotope; in ihnen fühle ich mich wohl. Sie fordern mich heraus, inspirieren mich und wecken oft auch meinen Widerspruchsgeist.

Städte bildeten in der Geschichte menschlicher Zivilisationen schon immer intellektuelle Zen­tren, in denen gestritten wurde. Sie sind deshalb für freie Gesellschaften unverzichtbar. Städte bieten Freiräume für Minderheiten, Aussenseiter und Vorreiter, sie ärgern und verunsichern deswegen gelegentlich – auch Frauen und Männer vom Land, denen das Schellen von Viehglocken, das «Trycheln», mehr behagt als scharfzüngige Debatten mit fremden Menschen.

Der pauschale Angriff auf «Schlaraffenstädte», deren Einwohnerinnen und Einwohner auf Kosten der armen Landbevölkerung leben würden, führt in die geistige Einöde. Wer in der Politik in dieser Art gegen Städte polemisiert, klinkt sich aus einer an sich reizvollen Debatte aus, weil wütende Stadt-Mäkler in urbanen Gebieten gar nicht mehr beachtet werden: Sie haben zu offensichtlich nicht begriffen, was Städte-Leben ausmacht.

Der grösste wirtschaftliche Mehrwert unseres Landes wird in den Städten erarbeitet – dort, wo auch international tätige Unternehmen angesiedelt sind. Diese Firmen haben ihre Geschäftshäuser oft durch architektonische Meister bauen oder umbauen lassen: Der Neubau der Swiss Re in Zürich beispielsweise, der Novartis-Campus oder die Roche-Türme in Basel belegen den städtebaulichen Ehrgeiz erfolgreicher internationaler Unternehmen, deren Mitarbeitende aus aller Welt in Management, Forschung und Entwicklung in lebendigen Städten arbeiten wollen – gerade auch nach der Pandemie-Erfahrung.

«Stadt-Leben ist intellektuell anstrengend und bisweilen unversöhnlich. Harmloser, süsser, ländlicher Kitsch wird wenig beachtet.»

Lebendige Städte zeichnen sich durch ein vibrierendes Kulturleben aus; die Eröffnung des Erweiterungsbaus des Zürcher Kunsthauses zum Beispiel belegt diese These. Sie müsste auch den ländlichen Stadt-Feinden eine Reise wert sein: Der lichtdurchflutete Quader, entworfen vom britischen Architekten David Chipperfield, wird in den nächsten Wochen eröffnet. Am 9. und 10. Oktober finden die «Tage der offenen Türen» statt – Städterinnen und Landbewohner sind gleichermassen eingeladen.

Ein aktives Kulturleben ist aber auch oft konfliktträchtig, so die heftige Diskussion rund um den Kunsthaus-Erweiterungsbau. Historikerinnen, Kunstkritiker und Publizisten liefern sich nach wie vor einen heftigen Schlagabtausch über die moralische Legitimation der im Kunsthaus gezeigten Sammlung des verstorbenen Waffenhändlers Dieter Bührle. Stadt-Leben ist eben intellektuell anstrengend und bisweilen unversöhnlich. Harmloser, süsser, ländlicher Kitsch wird wenig beachtet. Darauf müssten sich gewisse Land-Menschen einlassen, wenn sie sich ernsthaft an der Debatte beteiligen wollen.

Auch vis-à-vis dem Kunsthaus wird gestritten: Dort soll der legendäre «Pfauen-Saal» im Schauspielhaus zu Gunsten eines Neubaus abgerissen werden: Was auf den ersten Blick wie eine Architektur-Debatte anmutet, ist in Tat und Wahrheit eine Diskussion über Rolle und Zukunft des Sprech-Theaters in unserer Gesellschaft – und über den Wert der echten Tradition. Auch einer solchen Debatte müssten sich die Leute vom Land stellen, wenn sie zur Kenntnis genommen werden wollen.

Schliesslich müssten wir den Städte-Skeptikern auch die renovierte neue Tonhalle in Zürich zeigen, ganz in der Nähe des Seeufers. Den Bauherren und Bauherrinnen gelang es dank einer nahezu perfekten Renovation Altes und Neues zu vereinen – inklusive des Einbaus von fast 5000 Pfeifen einer neuen Kuhn-Orgel. Sie pfeifen auf ländliche Vorurteile.