Gast-Analyse
Kleider machen Leute – oder warum der Habitus es Kindern aus Arbeitermilieus schwer macht, aufzusteigen

Margrit Stamm
Margrit Stamm
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Kinder in einer unsanierten Plattenbau-Siedlung an der Stuttgarter Allee in der Stadt Leipzig (Deutschland).

Kinder in einer unsanierten Plattenbau-Siedlung an der Stuttgarter Allee in der Stadt Leipzig (Deutschland).

Bild: Caro / Hechtenberg

Cabrio oder Mobility, Bach oder Bushido, Tätowierungen oder unverzierte Haut? Man ist nicht nur, was man auf der UBS oder der CS hat, sondern wie man sich gibt. Für Gottfried Keller war es in der Novelle «Die Leute aus Seldwyla» klar, dass es die Kleider sind, die Leute machen.

Heute ist es der Habitus, der Bände spricht und grosse Ungerechtigkeiten bewirken kann. Mit dem Habitus gemeint sind Erscheinungsbild, Auftreten und Umgangsformen. Bei manchen Menschen ist der Habitus so ausgebildet, dass er alle Wege ebnet, bei anderen wirkt er bremsend. Er wird uns in die Wiege gelegt und zeigt, woher wir kommen und wer wir sind. Herkunft und Erziehung impfen uns den Habitus ein. Deshalb kann der Mensch nicht keinen Habitus haben.

Ob wir in einem Haushalt gross geworden sind, in dem das Geld knapp war oder man nicht darüber sprechen musste, weil man es einfach hatte, spielt eine wesentliche Rolle. Genauso, ob Kinder ein Zimmer für sich allein mit 50 Büchern haben oder sie es mit Geschwistern und einer Playstation teilen müssen.

Wer in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen ist, wird sich in der Regel anders verhalten als ein Kind aus einer Akademiker-, Manager- oder Künstlerfamilie. Feine Unterschiede bestimmen, mit welchen Einstellungen und Verhaltensweisen Kinder der Welt begegnen.

Vorteile hat, wer oft mit der Familie in guten Restaurants speist und deshalb weiss, welches Besteck man wie braucht und dass man nicht mit vollem Mund spricht. Und es macht einen Unterschied, ob der Papa Mitglied eines einflussreichen Clubs ist oder am Abend mit Kollegen in der Beiz einen Jass klopft.

Schon der Habitus der Primarschülerin verweist auf ihre soziale Position. Hat sie einen differenzierten Wortschatz oder Hobbys, die etwas kosten, und einen ausgewählten Freundeskreis, dann sind ihr Vorteile in der Schule wahrscheinlich gewiss. Nicht, weil Lehrkräfte parteiisch sind, sondern weil die Schule mittelschichts­orientiert ist und Kinder mit einer solchen Mentalität unbewusst belohnt.

Pläne fürs Gymnasium gelten dann fast als selbstverständlich. Zwar müssen auch diese Kinder gute Schüler sein und dafür geradestehen. Aber das Können allein ist nur die halbe Miete. Der erforderliche Habitus ist die andere.

Kinder aus einfachen Verhältnissen werden anders sozialisiert. Ihr Habitus orientiert sich meist am Prinzip der Notwendigkeit. Es geht um Bodenständigkeit und Pragmatismus und nicht um «ausgefallene» Berufsinteressen wie das Gymnasium. Selbstbescheidung ist viel wichtiger. Darum soll die begabte Tochter ihrem Habitus treu bleiben und nicht ins Gymnasium gehen oder sogar ein Medizinstudium absolvieren, sondern Pflegefachfrau werden. «Du musst nicht meinen, du seiest mehr als wir» – solche Aussagen prägen.

Kleider machen Leute! Auch wenn die Bildungspolitik betont, dass die Klassengesellschaft verschwimmen würde – noch heute ist zentral, dass aufstiegswillige Kinder aus Arbeiterfamilien nicht nur gute Noten haben sollen. Sie müssen auch lernen, wie man sich im oberen Milieu bewegt und was man wie tut.

Dies ist einer der Gründe, weshalb ein Bildungsaufstieg oft zu Gefühlen von Fremdheit und Aufstiegsangst führt. Manche der Aufgestiegenen berichten im Rückblick, wie lange es gegangen sei, bis sie sich nicht mehr fehl am Platz gefühlt hätten. Und wie harzig der Weg gewesen sei, eine Mentalität zu entwickeln, die nicht einfach dem sogenannt «besseren» Milieu, sondern der eigenen Entwicklungsgeschichte entspricht.

Schulen spielen eine Schlüsselrolle. Wollen Lehrkräfte die Chancengleichheit stärken und Kinder gerechter fördern, braucht es eine Sensibilität für diesen Habitus und ein Verstehen, warum Arbeiterkinder oft so sind und nicht anders. Wünschenswert wäre ebenso, wenn sich Lehrkräfte selbstkritisch mit ihrem eigenen Habitus auseinandersetzen würden.

Zur Gast-Autorin: Margrit Stamm ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg. Gründerin des Forschungsinstituts Swiss Education.