«Fluri-Vorschlag»
Impf-Verweigerern Leistungen vorenthalten geht nicht

Unser Krankenkassensystem hat einen Solidaritätsaspekt (alle zahlen die gleiche Kopfprämie) und einen Versicherungsaspekt. Weil auch Impfverweigerer Prämien zahlen, darf man ihnen keine Leistungen streichen. Aber man könnte ihnen das höhere Risiko in Rechnung stellen. Das wird auch bei Autohaftpflichtversicherungen gemacht.

Christoph Bopp
Christoph Bopp
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Kurt Fluri will, dass Krankenkassen die Corona-Kosten von Ungeimpften nicht mehr bezahlen.

Kurt Fluri will, dass Krankenkassen die Corona-Kosten von Ungeimpften nicht mehr bezahlen.

Peter Klaunzer / Keystone

Unsere Krankenkassen funktionieren nach dem Solidaritätsprinzip. Jede und jeder zahlt gleich viel – eine Kopfprämie. Das kann dazu führen, dass einige im Verlauf ihres Lebens mehr beziehen als andere. Vielleicht sogar klar mehr, als sie einbezahlt haben. Wer sich darüber ärgert, mag sich die Frage stellen, ob es wirklich besser ist, krank zu sein als gesund.

Zugleich ist unser Krankenkassensystem eine Versicherung. Die Leistung erfolgt nur, wenn bezahlt wird. Deshalb kann es nicht sein, dass man Versicherungsleistungen von gewissen Vorleistungen abhängig macht und sie verweigert, wenn die nicht erfüllt werden. Der Solothurner FDP-Politiker Kurt Fluri schlug das vor: Wer sich nicht impfen lassen wolle, solle die Kosten für eine allfällige Covid-Behandlung selber tragen. Das geht nicht.

«Menschenunwürdig» sei das, wurde Fluri vorgeworfen. Der Nationalrat untergrabe damit den Solidaritätsgedanken, hiess es. Wirklich? Solidarität kann man nicht einfordern. Sie ist die selbstverständliche Hilfe, die man einander leistet, ohne einen Gedanken an Gegenleistungen zu verschwenden.

Die Zeiten dieses Gesellschaftsmodells, das auf wechselseitiger Solidarität beruht, sind vorbei. Klar, dass der Nachbar meinen Ochsen zum Pflügen brauchen durfte – und das gratis, solange er bei mir nur im Stall steht. Jetzt ist die «sozial relevante Handlung» in unserer Gesellschaft nicht mehr helfen (und geholfen werden), sondern zahlen. Nur solange man zahlen kann, gilt man als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.

Es gibt deshalb durchaus Gründe, dem Versicherungs­gedanken mehr Gewicht zu geben. Der Staat kann zwar niemandem vorschreiben, wie er leben soll. Aber er kann das höhere Risiko beziffern, das jemand durch seine Lebensweise eingeht.

Zugegeben: Beim Rauchen, Alkohol und Dicksein ist das schwierig. Bei anderen Risiken noch mehr. Beim Impfen aber ist es möglich. Wer sich nicht impfen will, bezahlt etwas mehr Prämie. Wie man sich in den Auto-Haftpflichtversicherungen gegen grobe Fahrlässigkeit versichern kann.

Das ist kein moralisches Argument. Wer bereit ist, sich impfen zu lassen, ist deshalb kein besserer Mensch. Aber mit der Impfung trägt er dazu bei, Kosten zu vermeiden. Das wird sich berechnen lassen. Wer sich nicht impfen lässt und Pech hat, hat vollen Anspruch auf Versicherungsleistungen. Für die hat er nämlich bezahlt.

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