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Finanzmärkte sind besser als ihr Ruf

Wegen des Schutzschirms von EZB-Direktor Mario Draghi können die weltweiten Börsen ihre Wirkung nicht entfalten, schreibt Wirtschaftsjournalist Reto Lipp
Reto Lipp
SRF-Wirtschaftsjournalist Reto Lipp. (Bild: PD)

SRF-Wirtschaftsjournalist Reto Lipp. (Bild: PD)

Die Macht der Finanzmärkte ist vielen unheimlich. Tatsächlich können Finanzströme internationaler Anleger ganze Staaten in die Knie zwingen. Derzeit spricht man gerade wieder von Argentinien oder der Türkei, wo ein Abzug von internationalem Kapital massiv Unruhe auslöst. Die Währungen beider Länder haben sich jedenfalls bereits stark abgewertet. Die globalen Anleger sehen die höheren Zinsen in den USA und stellen sich die Frage, weshalb sie noch in Ländern investieren sollen, die mit enormen wirtschaftlichen Problemen und Risiken kämpfen. Dann besser gleich risiko­lose US-Staatsanleihen mit 3 Prozent Zins kaufen.

Selbst hochverschuldete Staaten haben tiefe Zinsen

Gleichzeitig kann man aber gerade in Europa sehr schön illustrieren, was passiert, wenn die Wirkung (andere würden sagen die Peitsche) der Finanzmärkte ausser Kraft gesetzt ist. Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hat 2012 sein berühmtes «What­ever it takes» gesagt, was so viel heisst wie «Wir tun einfach alles, um die Eurozone zu retten» («und glauben Sie mir, es wird genug sein»). Das hat zu einem gigantischen Anleihenkaufprogramm und in der Folge immens tiefen Zinsen geführt. Selbst die Zinsen von Staaten mit unglaublich hoher Verschuldung wie Griechenland, Italien oder Portugal wurden massiv gesenkt. Nun hätten die Politiker in den letzten Jahren Zeit gehabt, eine vorsichtige Entschuldung vorzunehmen. Denn die tiefen Zinsen haben das Budget massiv geschont. Selbst die Schweiz profitiert – dank der Nullzinsen kommt Finanzminister Ueli Maurer praktisch gratis zu Geld für den Finanzhaushalt.

Geschehen ist in Europa aber das Gegenteil, was man am Beispiel Italiens sehr gut illustrieren kann. 2011 lag der Schuldenstand bei 1900 Milliarden Euro, heute sind es über 2300 Milliarden. Und wenn man die Versprechungen der italienischen Populisten in Geld umsetzt, dann kommen allein aus diesen Versprechungen jedes Jahr neue Schulden von 120 Milliarden Euro dazu. Von Schuldenabbau kann keine Rede sein.

Auch der Franken zieht wieder an

Wenn man die Politiker auf die enormen Schulden hinweist, machen sie den Stinke­finger und geben Brüssel die Schuld: «Wir lassen uns doch von denen nichts vorschreiben.» Nur, wer in einer gemeinsamen Währung drin ist, muss sich an gemeinsame Regeln halten, sonst wird’s nichts. Das interessiert die Populisten indessen nicht. Sie können sich das leisten, denn Mario Draghi sorgt mit seinem Schutzschirm dafür, dass die Finanzmärkte kaum Wirkung entfalten. Zwar sind die Renditen der italienischen Staatsanleihen gestiegen, was ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass die Anleger langsam nervös werden. Ein weiterer Krisenindikator zieht auch wieder an: der Franken. Dieser ist in den letzten Tagen deutlich stärker geworden. Was ebenfalls zeigt, dass eine Verunsicherung um sich greift, aber da sind wir noch Welten entfernt von der Situation,wie sie 2012 war, wo der italienische Staat für sein Geld fast 5 Prozent mehr Rendite anbieten musste als der deutsche. Mario Draghi sei Dank.

Vielleicht ist die Disziplinierung durch die Finanzmärkte eben doch kein so schlechtes Mittel, um der Politik wieder einmal aufzuzeigen, dass Geld nicht vom Himmel kommt (oder von der EZB), sondern erarbeitet werden muss, und dass Schulden machen einfach ist, aber die Stabilität von Ländern untergräbt, künftig überhaupt noch handlungsfähig zu sein. Eigentlich wollte die EZB mit ihrem Handeln den Politikern Zeit verschaffen, um Massnahmen zu ergreifen. Jetzt zeigt sich, dass die EZB das Gegenteil bewirkte, nämlich Politiker erschafft, die noch viel aberwitzigere Programme entwerfen, ferner denn je von jeglicher ökonomischen Logik. Letztlich muss die Zukunft die Politiker auch nicht wirklich interessieren, denn in spätestens vier bis acht Jahren sind sie alle wieder weg. Die Schulden aber lasten dann über Jahrzehnte auf der jungen Generation. Vermutlich wird es irgendwann einen Schuldenschnitt geben müssen, und viele (einfache) Leute werden sehr viel Geld verlieren. Man kann die anonymen Finanzmärkte schrecklich finden, manchmal sind gewisse Politiker aber noch viel schrecklicher.

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