Kommentar
Es gibt kein Recht auf Sex – man schafft es als Mann auch ohne Bordellbesuch

Geschlechtsverkehr ist ein Bedürfnis. Menschen brauchen den Sex wie anderes auch. Männer meist dringlicher und häufiger als Frauen. Und sie kommen in der Regel schlechter damit zurecht, wenn sie keinen haben. Doch Prostitution schafft mehr Probleme, als sie löst.

Sabine Kuster
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Sabine Kuster.

Sabine Kuster.

(Bild: Sandra Ardizzone)

Es heisst, jeder fünfte Schweizer Mann hätte schon einmal für Sex bezahlt. Es heisst, die Prostitution sei das älteste Gewerbe der Welt. Doch jetzt soll es auf einmal nicht mehr okay sein, Sex zu kaufen? Wer das Buch über die Schweizer Prostitution «Piff, Paff, Puff» von Aline Wüst gelesen hat, kann nicht länger denken: Das ist völlig okay. Am Ende ihrer zweijährigen Recherche lädt eine Bordellbetreiberin die Autorin zu sich nach Hause ein und packt ihrerseits aus. Die Frau hat mit 47 Jahren begonnen, als Prostituierte zu arbeiten, und später ihr eigenes Bordell eröffnet.

Die Bordellbesitzerin sagt: «Wie gehst du damit um, wenn er dreckig ist, dich schlägt, wenn einer dich fast vergewaltigt? Du bist allein, weisst nie, wer kommt. Das macht unglaublich stark. Ich bin stolz darauf. Stolz, wie ich das geschafft habe. Wie ich den Männern Gutes tun konnte. Aber wenn mich jemand auf dem Totenbett fragt, ob es lässig war, dann muss ich sagen: Nein, lässig war das trotzdem nicht. Keine Frau macht diese Arbeit gern. Du beginnst damit wegen des Geldes. Aber damit du überlebst, damit deine Seele gesund bleibt, musst du lernen, das Ganze anders anzuschauen – zu geben und aus dem ­Geben für dich selber Kraft zu schöpfen.»

Es ist die versöhnlichste Aussage über Prostitution im ganzen Buch. Doch die meisten Frauen steigen nicht mit 47, sondern mit 18 Jahren oder noch früher ein und die Bordellbetreiberin sagt, sie glaube nicht, dass man gesund bleiben könne, wenn man so jung beginne. Sie schlägt eine Verbesserung vor, bei der man sich fragt, warum es nicht schon längst gilt: Eine Altersbegrenzung. Dass die Frauen mit 30 beginnen dürfen. Wenn sie den Männern weniger unterlegen sind. Wenn sie genug Lebenserfahrung haben, um zu verstehen, was mit ihnen passiert.

Die Schweiz hat eine der liberalsten Gesetzgebungen zur Prostitution in Europa. Seit 2016 auch Frankreich die Prostitution verboten hat, reisen noch mehr Prostituierte in die Schweiz. Wenn das Sexgeschäft hier schon legal ist, dann ist es unverständlich, warum nicht striktere Regeln zum Schutz der Frauen gelten.

Warum gibt es kein Mindestalter oder keine Maximaldauer für diesen Beruf, der das Innerste so erschüttert wie kein anderer?

Warum gibt es keine Anlaufstellen, die Frauen coachen, welche aussteigen wollen? Als Frau das Buch zu lesen und ständig vor Augen zu haben, wie die Frauen ihre Beine spreizen, damit Männer, die sie nicht begehren, in sie eindringen können, ist schwer erträglich.

Auf die Verhältnisse in Rumänien oder Bulgarien hat die Schweiz wenig Einfluss. Aber wir müssen uns eingestehen, dass es den Frauen, indem sie hier mit dem Verkauf ihres Körpers Geld verdienen können, nicht besser geht. Zudem tun es sehr viele für ihre Pseudolieb­haber oder tatsächlichen Zuhälter. Die Bordellbesitzerin sagt: «Hinter fast jeder Frau steht heute ein Mann, der profitiert. Sei es ein Freund, ein Zuhälter oder ein Clan. Die Frauen sagen das meist nicht einmal mir. Aber ich sehe doch, wie sie ständig an ihren Handys hängen. Sie teilen mit, wie viel sie verdienen. Haben diese Frauen wenig Kunden, werden sie nervös. (...) Wenn ein Mann im Hintergrund Druck ausübt, dann fühlt sich das, was im Zimmer passiert, für die Frau wie eine Vergewaltigung an.»

Es ist nicht lustig, keinen Sex zu haben. Aber Sex ist kein Menschenrecht. Man schafft es auch als Mann ohne Bordellbesuch. Woher ich das weiss? Wenn einer von fünf Männern schon mal für Sex bezahlt hat, dann meistern vier von fünf ihr Leben mit freiwilligem Sex, Durststrecken und Selbstbefriedigung.

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