Kommentar

Entscheidend ist unser Verhalten, nicht das Material

Roman Schenkel schreibt in seiner Analyse zum Plastik-Entscheid der Migros: «Die Vorteile von Plastik gehen in der aktuellen Diskussion komplett unter.»

Roman Schenkel
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Roman Schenkel.

Roman Schenkel.

Auf die Plastiksäcklein, die Plastikröhrli, die Plastikfolien um die Bücher folgt nun das Einweggeschirr aus Plastik. Die Migros sortiert bis Ende Jahr sämtliches Plastikeinweggeschirr aus und ersetzt es mit ökologischeren Alternativen. Die Umstellung erfolge «rollierend», damit kein bestehendes Material weggeworfen werden muss. Das Wegwerfen überlässt die Migros lieber ihrer Kundschaft, nachdem sie ihnen die Restposten verkauft hat.

Nichtsdestotrotz. Gegen den Entscheid der Migros ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die Detailhändlerin kann dadurch den Verbrauch von Plastikmaterial gemäss eigenen Angaben bis Ende 2020 um 560 Tonnen vermeiden. Und überhaupt, Plastik zu verbannen, das entspricht dem Zeitgeist. In den sozialen Netzwerken wird der Entscheid begrüsst. Man ist sich rundum einig: Plastik ist schlecht. Plastik ist böse. Das Material gehört aus den Regalen der Detailhändler verbannt! Schliesslich braucht Plastik Hunderte Jahre, um zu verrotten, tötet Tiere und zerstört ganze Ökosysteme.

Für die Detailhändler ist es einfacher, zu erklären, welche Produkte sie von Plastik befreien oder welche Produkte sie aus dem Sortiment kippen, als zu rechtfertigen, weshalb es Sinn macht, eine Gurke mit einer Folie einzupacken. Deshalb verkündet die Migros den Ausstieg aus dem Plastikeinweggeschirr öffentlichkeitswirksam. Ganz nach dem Motto: Tue Gutes und sprich darüber.

Plastik ist in der Lebensmittelindustrie nicht wegzudenken

Wer jedoch öffentlich etwas Gutes über Plastik sagt, der riskiert schon fast einen Shitstorm. Plastik hat ein Imageproblem. Die Vorteile des Materials gehen in der aktuellen Diskussion komplett unter. Dabei ist Plastik in der Lebensmittelindustrie kaum mehr wegzudenken. Plastik ist ideal, um Lebensmittel frischzuhalten und hygienisch zu verpacken. Grillwürste zum Beispiel werden eingeschweisst, damit kein Fett nach aussen tritt, das Fleisch nicht austrocknet und Keime nicht ins Innere gelangen. Die in Plastik eingeschweisste Biogurke hält deutlich länger als unverpacktes Gemüse. Die Chips bleiben in der Plastiktüte, die das Aroma drinnen und die Luftfeuchtigkeit draussen hält, lange knackig.

Plastik verhindert also, dass Lebensmittel früher weggeschmissen werden müssen. Hinzu kommt, dass Alternativmaterialien oft nicht mithalten können. Von Mehrwegbechern aus Bambus etwa, schreibt die Stiftung Warentest, solle man die Finger lassen (sic!). Der Test ergab, dass aus mehr als der Hälfte der getesteten Becher eine sehr hohe Menge Melamin ins Getränk übergehe.

Mehr den Inhalt betrachten als die Verpackung

Das Versteifen auf die Plastikfrage ist in der Schweiz, in der die Entsorgung sehr gut funktioniert, falsch. Plastik landet bei uns in der Verbrennungsanlage, PET-Flaschen landen im Recycling. Statt sich auf Plastik einzuschiessen oder sich für das Verbannen von Plastikmaterial zu loben, sollten wir uns viel mehr über den mit Plastik verpackten Inhalt Gedanken machen. Oft ist die Ökobilanz des Inhalts deutlich schlechter als diejenige der Verpackung. Die Frage, ob man künftig keine Biogurke aus Marokko kaufen soll, ist noch relativ einfach zu beantworten. Deutlich unbequemer wird es, wenn es um den Konsum von Fleisch oder Milch geht.

Und schliesslich ist da noch unser Verhalten. Das Problem ist nicht das Material, sondern das Wegwerfen an sich. Würde es die Migros ernst meinen, würde sie Einwegprodukte «rollierend» auslaufen lassen und durch Mehrwegprodukte ersetzen.