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Kolumne

Eine unangenehme Situation

Weihnachtliche Gedankenspiele zu einem Werk des italienischen Renaissance-Malers Giovan Battista Salvi.
Gottlieb F. Höpli
Gottlieb F. Höpli

Gottlieb F. Höpli

Die Marken, meine zweite Heimatregion, sind vielen Italienern – und erst recht Ausländern – kaum bekannt. Sie gehören aber zu den kulturell reichsten Regionen des an Kulturgütern wahrlich nicht armen Landes: der Maler Raffael stammt aus Urbino, Piero della Francesca, Lorenzo Lotto oder der Renaissance-Architekt Bramante sind «Marchigiani» ebenso wie der Komponist Rossini, was der italienische Grosskritiker Vittorio Sgarbi immer wieder betont – auch er aus den Marken stammend.

Und eben auch Giovan Battista Salvi (1609–1685), genannt «Il Sassoferrato» nach dem Städtchen im Hinterland von Ancona, auf den ersten Anhöhen des Apennin gelegen. Er hat in Rom die Kunst Raffaels studiert und es als unermüdlicher Maler von Madonnen mit und ohne Kind zu einiger Berühmtheit gebracht. Seine Bilder hängen in zahlreichen Kirchen und Museen Italiens. Als Modell soll meistens seine Ehefrau gedient haben, die eine klassische, wenn auch nicht übertrieben ausdrucksstarke Schönheit gewesen sein muss – heute wäre sie wohl als Model in Werbung und Medien unterwegs. Oft in Raffael-Blau gehüllt und im 17. Jahrhundert schon etwas aus der Zeit gefallen, üben diese Madonnen eine Faszination aus, der man sich schwer entziehen kann. Das konnte man auch unlängst in einer Ausstellung in seinem verschlafenen Heimatort unter dem Titel «La devota bellezza» feststellen.

Distanz, Skepsis und Verwunderung

Zum Advent in dieser Rubrik, die sich ja «Ansichten» nennt, deshalb für einmal die Ansicht einer «Annunciazione» des Sassoferrato, die mich fasziniert und irritiert. Es ist nicht die an Renaissance-Vorbilder angelehnte Komposition oder die Originalität der Figuren, die diese «Verkündigung» des Sassoferrato aus den unzähligen Darstellungen heraushebt. Obwohl das Fest Mariä Verkündigung in der katholischen Kirche biologisch zeitgerecht am 25. März, also neun Monate vor Weihnachten gefeiert wird, gedenkt man in unseren Kirchen fast überall nochmals der Schwangerschaft Mariens. Auch in der Verkündigung des Sassoferrato ist diese mit den über einem sich leicht wölbenden Bäuchlein verschränkten Händen bereits angedeutet. Aber auch das ist keine Erfindung unseres Malers.

Was mich hingegen stets von Neuem fasziniert, ist dieser ganz eigenartige Gesichtsausdruck Marias. Strahlt der verkündigende Erzengel Gabriel tiefste Versenkung in seine Botschaft aus, ist auf dem Gesicht Marias keinerlei Anzeichen innigster Frömmigkeit zu sehen. Vielmehr: Distanz, Skepsis und eine Verwunderung, die fragt: «Muss das denn sein?» Eine unangenehme Überraschung. Das könnte viel eher der Gesichtsausdruck einer jungen Frau, eines Teenagers unseres 21. Jahrhunderts sein als der einer Renaissance-Madonna. Der so gar nicht zum restlichen Ambiente des Bildes zu passen scheint: Nicht zum Engel im Renaissance-Stil, nicht an den fast biedermeierlichen Putten, die es sich zum Teil auf weichen Wölkchen bequem machen. Aber mit dem «modernen» Gesichtsausdruck sprengt der Maler die Vor-Bilder seiner Zeit.

Diesen Nicht-Ausdruck im Gesicht Mariens kann man nicht mit einem etwaigen künstlerischen Unvermögen erklären. Der Sassoferrato hat Dutzende von wunderschönen Madonnen mit innigem Ausdruck gemalt. Aber hier wird uns eben keine «gebenedeite» Jungfrau, sondern eine eher unangenehm berührte jungen Frau gezeigt. Eine von vielen, oder wie Papst Franziskus kürzlich erinnerte: «Una ragazza normale». So, wie es in der biblischen Verkündigungsszene eigentlich geschrieben steht – und oft vom künftigen Heilsgeschehen über- und weggeblendet wird.

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