Kommentar

Ein Tessiner als SVP-Präsident für die Nach-Blocher-Ära – kann das gutgehen?

Die Überraschung ist perfekt. Der Tessiner Ständerat Marco Chiesa, 45, soll Albert Rösti als SVP-Präsident ablösen. Er ist eine Notlösung - doch viel zu verlieren hat er nicht. Ein Kommentar.

Patrik Müller
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Blickt von rechts auf die Schweiz: Marco Chiesa.

Blickt von rechts auf die Schweiz: Marco Chiesa.

Anthony Anex / KEYSTONE

Ihn hatte niemand auf der Rechnung. Und in normalen Zeiten wäre einer wie Marco Chiesa auch nie auf einer Kandidatenliste für das höchste Amt in der SVP aufgetaucht. National ist der 45-Jährige nur wenig profiliert, und das Tessin ist für die SVP ein kleiner Markt; Abstimmungen und Wahlen werden nicht hier entschieden, sondern in der Deutschschweiz.

Aber es sind eben keine normalen Zeiten für die SVP. Nachdem die Partei seit den 1990er-Jahren stetig gewachsen war und sie ihren Wähleranteil auf nahezu 30 Prozent mehr als verdoppelt hatte, musste sie bei den Wahlen im vergangenen Herbst die erste richtige Niederlage einstecken. Kurz vor Weihnachten dann gab Parteipräsident Albert Rösti seinen Rücktritt bekannt.

Rührend und bisweilen zum Fremdschämen

Was danach geschah, war ein Trauerspiel. Nur der Zürcher Alfred Heer und der Aargauer Andreas Glarner meldeten sich als Kandidaten. Niemand aus der A-Liga wollte sich dieses Amt antun. Es war rührend und bisweilen zum Fremdschämen, wie die Findungskommission mit allen möglichen Kandidaten unter «Geheimhaltung» sprach, um sie zu überreden. Selbstverständlich drang dann doch das meiste an die Öffentlichkeit.

Noch am vergangenen Wochenende, als diese Zeitung das Njet von Martina Bircher publik machte, der einzigen Frau, lancierte Roger Köppel einen weiteren Namen: Die St. Gallerin Esther Friedli, Lebenspartnerin von Ex-Parteichef Toni Brunner. Doch diese hatte längst abgesagt. Ebenso wie der Luzerner Franz Grüter, den viele bekniet hatten und dessen Name dann am Montag auf einmal wieder im Spiel war. «Wie man es nicht macht, wenn man einen Präsidenten sucht: Die SVP schuf das Negativbeispiel für die Lehrbücher», kommentierte diese Zeitung die wirren Vorgänge bei der Suche nach einem Rösti-Nachfolger.

Und nun also zaubert die Findungskommission Marco Chiesa aus dem Hut. Sein einziger in der Deutschschweiz sichtbarer Leistungsausweis ist seine Wahl zum Ständerat im vergangenen Oktober. Die aber war spektakulär: Chiesa verdrängte nämlich den langjährigen CVP-Ständerat Filippo Lombardi aus dem Amt, der als Präsident der CVP-Fraktion im Bundeshaus landesweit bekannt war. Da wurde manch einer hellhörig: Wer ist denn dieser Chiesa?

Keine Frohnatur wie Toni Brunner

Wer ihn kennt, beschreibt ihn als eher ruhig und ernsthaft, im Auftreten eine Art Gegenthese zur Frohnatur Toni Brunner. Der zweifache Familienvater gilt als dynamisch, und auf Deutschschweizer wirkt es meist sympathisch, wenn jemand mit italienischem Akzent Deutsch spricht, was Chiesa leidlich tut. Inhaltlich politisiert er strikt auf der SVP-Linie. Sein Kernthema deckt sich mit jenem der nationalen Partei, ist im Tessin aber noch virulenter: Der Kampf gegen die Personenfreizügigkeit, zu viele Grenzgänger und Lohndumping. Wenn man nachliest, was Chiesa über Lohndumping sagte, tönt er bisweilen wie ein Gewerkschafter.

Chiesa muss am 22. August von den Delegierten erst noch gewählt werden, doch weil die Findungskommission wie bei der SVP üblich einen Einervorschlag bringt, dürfte hier nichts mehr anbrennen. Auch darum, weil bei der SVP die Erleichterung darüber, doch noch jemanden gefunden zu haben, stärker wiegt als Vorbehalte, Chiesa sei zu unerfahren und zu weit weg von der Kampfzone Deutschschweiz. Glarner stösst mit seinen Dauerprovokationen auf den sozialen Medien auch in der SVP viele ab, und Heer wirkt oft etwas kraftlos und nicht wie die Zukunft der Partei.

Er sieht sich als Sympathieträger

Chiesa ist eine Verlegenheitslösung, aber diese hat etwas Erfrischendes: Er ist kein Unternehmer, kein Gewerbler und kein Bauer. Chiesa, studierter Betriebswirtschafter, arbeitete zuletzt in der Sozialbranche, als Leiter eines Alterszentrums. Er stammt weder aus dem Herrliberger Dunstkreis noch aus der grossen Berner Kantonalpartei. Das gibt ihm für die Ära nach Christoph Blocher, der bald 80 wird, ein Stück weit Unabhängigkeit.

«Ich freue mich, als Sympathieträger betrachtet zu werden», sagte er heute Morgen im Schweizer Radio SRF. Die «Schweiz am Wochenende» hatte eben noch kritisiert, der SVP mangle es nicht nur an Führung, sondern auch an Sympathieträgern. Chiesa muss erst noch beweisen, dass er dieser Sympathieträger ist. Nett sein wird in der SVP nicht reichen, das bewies die unglückliche Amtszeit von Albert Rösti.

Viel haben Chiesa und auch die SVP aber nicht zu verlieren. Angesichts des debakulösen Findungsprozesses ist Chiesa das wohl bestmögliche Ergebnis.

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