Kommentar

Die Stadt St.Gallen muss höher fliegen, wenn sie eine Rolle spielen will

Die Politik in der Stadt St.Gallen ist geprägt von Vorsicht. Doch die mangelnde Gestaltungskraft begünstigt den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stillstand. Will St.Gallen das urbane Zentrum der Ostschweiz sein, muss ein Ruck durch die Stadt.

Stefan Schmid
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Stadtpräsident Thomas Scheitlin

Stadtpräsident Thomas Scheitlin

Urs Bucher

Wir haben sie ja alle gern, unsere Stadt. Gemütlich ist sie, wohlig-heimelig, auf eine sympathische Art unprätentiös.

Weihern, Altstadt, Stiftsbibliothek, Universität, Bodensee- und Säntisnähe. Coole Wohnungen zu fairen Preisen, eine unaufgeregte Stadtregierung, welche die Durchschnittlichkeit solide verwaltet. Und aus finanziellen Gründen – Sparen ist immer gut, nödwohr – das Kinderfest kurzerhand aus dem Kalender streicht. In Anlehnung an Ute Erhardts Bestseller halten wir fest:

Mit diesen Politikern kommen wir in den Himmel. Aber nicht überall hin.

Im Herbst wählen wir eine neue Stadtregierung. Zeit also, sich zu fragen, ob wir gut regiert werden. Ob wir die Regierung haben, die wir verdienen. Acht Frauen und Männer wollen Stadtrat oder Stadträtin werden – oder bleiben. Eine stattliche Anzahl, die Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern eine Auswahl ermöglicht. Gut so, auf dem Land sieht es diesbezüglich oft weniger rosig aus.

Doch die Auswahl ist, das zeigen die ersten Wochen des Wahlkampfs, auch nicht berauschend. Vier Bisherige werben für den Status quo. Also für sich.

Da fallen Sätze wie, «Für ein nachhaltiges, lebenswertes St.Gallen». Oder: «Für ein gesundes, sicheres St.Gallen». Wer solches ablehnt, bitte melden! PR-Floskeln, die wir alle unterschreiben können. Ideen, Wünsche, Pläne? Fehlanzeige.

Dasselbe Bild leider auch bei den Neukandidierenden. Mit Ausnahme des FDP-Mannes Mathias Gabathuler, der ansatzweise versucht, so etwas Ähnliches wie ein kohärentes Programm zu verkaufen, fallen nur Phrasen, wie sie auch in Bremgarten, Bümpliz oder Basel gedrescht werden könnten. Niemand da, der für diese Stadt einen Plan hat? Niemand, der lustvoll die Profilierung sucht? Einzig Liebesgrüsse aus Sankt Güllen. Das ist wenig.

Stefan Schmid

Stefan Schmid

Hanspeter Schiess

St.Gallen als urbanes Zentrum der Ostschweiz hat eine Debatte über die Zukunft dringend nötig. Wohin will diese Stadt? Wie kann sie sich als Zentrum behaupten? Wie kann man das gute Gefühl, welches viele St.Gallerinnen und St.Galler teilen, dass man hier vorzüglich leben kann, mit mehr gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Dynamik verbinden?

Tatsache ist nämlich, dass St.Gallen den Anschluss verliert.

Die Stadt wächst kaum. Sie tut sich bei der Ansiedelung neuer Firmen schwer. Man hat zwar eine Universität von europäischem Rang. Doch es gelingt nicht, die Fachkräfte hier zu halten.

Anschlussprobleme auch im Verkehr: Die Strassen sind zunehmend verstopft, die Velowege werden eher zögerlich ausgebaut. Und beim ÖV scheitern innovative Ideen wie die Neulancierung einer Tramlinie schon im Frühstadium.

Der Kriechgang setzt sich im Wohnungs- und Städtebau fort. Wie es in St.Fiden weitergeht, das wissen nur die Götter. Auf eine Wohnraumstrategie, die verriete, wie die Stadt ein attraktiverer Wohnstandort werden könnte, warten wir seit Monaten.

Auf dem Güterbahnhofareal will man zuerst Autobahnanschlüsse bauen, ehe man sich um städtebaulich interessantere Aspekte kümmert. Für ein moderneres Kunstmuseum fehlen Wille und Geld.

Wahlen sind immer der Moment, innezuhalten und nachzudenken. St.Gallen hat alles, um eine pulsierende, innovative, moderne Kleinstadt zu werden.

Dafür müssten wir aber die geografische Randlage als Chance sehen, als Gelegenheit auch, Herausragendes zu schaffen. Wirtschaftlich, städtebaulich, kulturell und gesellschaftlich.

Ja, das tönt alles vage. Es gibt keinen fertigen Plan, wie sich St.Gallen entwickeln soll. Zu hochtrabende Pläne sind auch selten zielführend. Doch das Problem dieser Stadt und ihrer gesellschaftlichen Elite besteht darin, dass man dieser Diskussion zu oft ausweicht.

Nun ab in die verdienten Ferien! Nachher aber bleibt Zeit, die Kandidierenden aus der Reserve zu locken. Diese Stadt hat nicht das Geld Basels oder Zürichs. Doch schlummern hier grossartige Kräfte, kreative Menschen mit Herzblut und Leidenschaft. Diese gilt es aufzuspüren und mitzunehmen. Auf den einschläfernden Singsang mit der «nachhaltigen und lebenswerten Stadt» würden wir gerne verzichten.