Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Kommentar

Die Ostschweiz braucht ein Rezept gegen den Sog Zürichs

Viele gescheite Köpfe verlassen die Region für ihr Studium - und kommen nicht mehr zurück. Das lässt sich zwar kaum verhindern. Dennoch darf uns die Entwicklung nicht egal sein.
Stefan Schmid
Stefan Schmid. ©Benjamin Manser / TAGBLATT

Stefan Schmid. ©Benjamin Manser / TAGBLATT

Die Zahlen sind für die Ostschweiz wenig schmeichelhaft. Ein Grossteil der hellen Köpfe aus der Region, die auswärts studieren, kehrt nach dem Studium nicht mehr zurück. Dies zeigen Zahlen, welche unsere Zeitung diese Woche publiziert hat.

Am schlimmsten trifft es naturgemäss die ländlichen Kantone Ausserrhoden, Innerrhoden und Thurgau. Hier wie dort verlassen gut vier von fünf Studienabgängern den Kanton – viele davon für immer.

Dramatische Zahlen. Der Grund ist klar: Es gibt schlicht zu wenig interessante Stellen. Verliert ein Landstrich dauerhaft seine kreativsten Köpfe, setzt irgendwann der Niedergang ein. So weit ist es zum Glück noch nicht.

Zum einen wandern aus dem Ausland intelligente Menschen zu. Deutsche Ärzte und Fachhochschullehrerinnen, IT-Experten aus der ganzen Welt. Zum andern sind die Statistiken nicht für bare Münze zu nehmen.

Ausgeblendet bleibt etwa, wie die Wanderungsbewegungen der zahlreichen Fachhochschulabgängerinnen aussehen und wie viele tertiär Gebildete aus anderen Kantonen dauerhaft zuziehen. Es fällt daher schwer, ein differenziertes Gesamtbild zu zeichnen. Das verfügbare Zahlenmaterial darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage durchaus heikel ist.

Der Kampf um Talente ist unerbittlich. Der Hauptkonkurrent heisst Zürich. Die Limmatstadt platzt aus allen Nähten. Sie wächst und wächst und entwickelt sich je länger desto deutlicher zur wahren Hauptstadt der Schweiz. Zürich hat es geschafft, sich als dynamischer Hotspot der Globalisierung zu positionieren. Das hat Folgen. Immer mehr Menschen aus dem In- und Ausland zieht es an den Zürichsee, immer mehr globale Firmen bauen in Zürich Standbeine auf. Die Stadt ist drauf und dran, den bisherigen Einwohnerrekord aus den 1960er Jahren zu pulverisieren – dies freilich bei deutlich höheren Einwohnerzahlen im Umland.

Diesem Sog kann sich die Ostschweiz nicht entziehen, ja sie ist ihm ein gutes Stück weit machtlos ausgeliefert. Die Ostschweizer Kantone können noch so schöne politische Initiativen lancieren, um fremde Talente anzulocken oder eigene vom Wegzug abzuhalten. Auch die vielen Lobgesänge auf die Schönheit von Alpstein und Bodensee wirken nicht gegen die Strahlkraft der Zwinglistadt. Viele junge, urbane, kreative Menschen finden Zürich einfach cool.

Bedeutet dies nun, dass die Kommunen östlich von Winterthur den Kopf in den Sack stecken sollen? Auf keinen Fall. Ganz nach dem populären Bonmot «Wir haben keine Chance, also nutzen wir diese» sollten sich St. Gallen, Thurgau und beide Appenzell klug positionieren. Als freche Aussenseiter, die sich ihrer Provinzialität zwar bewusst sind, deswegen aber in keiner Weise hinterwäldlerisch auftreten.

Ja, es braucht auch hier zeitgemässe Strukturen zur Vereinbarung von Beruf und Familie. Ja, es braucht noch mehr Leuchtturmprojekte wie den Medical Master oder das Startfeld in St.Gallen, die das Potenzial haben, die Abwanderung zu bremsen. Und ja, es braucht politische Entscheidungsträger, die nicht nur Rappen spalten und kantonale Gärtchen pflegen, sondern ab und an auch den Mut für einen Hosenlupf aufbringen. Nicht zuletzt steht den Ostschweizern ihre Bescheidenheit im Weg, mitunter auch kühne (Bau-)Projekte zu wagen.

Aufgeben ist keine Option. Lamentieren auch nicht. Ebenso wenig hilft selbstgenügsames Wegschauen oder Desinteresse. Was mit Landstrichen passiert, die den Anschluss verlieren, kann man in weiten Teilen des ländlichen Frankreich oder in Ostdeutschland besichtigen. Das darf nicht passieren. Es braucht keinen Marshallplan für die Ostschweiz. Die Einsicht aber, dass kantonsübergreifend für blühende Landschaften gesorgt werden muss, sollte sich flächendeckend durchsetzen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.