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Kommentar

Die Olma feiert den Stillstand

Nur dank Alain Berset ist die Eröffnungsfeier der Olma nicht zur trostlosen Routineübung verkommen. Dahinter verbirgt sich ein generelles Malaise: Die grösste Publikumsmesse der Schweiz droht den Anschluss zu verpassen.
Stefan Schmid
Stefan Schmid. (Bild: Benjamin Manser)

Stefan Schmid. (Bild: Benjamin Manser)

Olma-Direktor Nicolo Paganini muss sich bei Bundesrat Alain Berset bedanken. Dafür, dass ihm der Freiburger Sozialdemokrat mit einer witzigen Eröffnungsrede am vergangenen Donnerstag im Theater St.Gallen die Eröffnungsshow der diesjährigen Olma gerettet hat. Ohne des Gesundheitsministers fulminante Einlage wäre diese Veranstaltung zu einer trostlosen Routineübung verkommen, die sinnbildlich ist für den Stillstand der grössten Publikumsmesse der Schweiz.

Überraschungsfreie Ansprachen der Protagonisten, eingerahmt von Darbietungen grimmig dreinblickender Jodler und Tänzerinnen, die – man muss es leider schreiben – nicht weit über das Niveau von Schülerdarbietungen hinausgekommen sind. Dem Luzerner Albert Vitali, Präsident der IG Volkskultur, stand eine Ehrendame zur Seite, als hätte die Gleichstellungsdebatte ohne ihn stattgefunden. Und das Säuli, das Bundesrat Berset in die Kameras halten durfte, hört auf den Namen Manuela, wie Messeleiterin Manuela Fürer. Hätte man das auch gemacht, wenn die Messeleiterin ein Mann gewesen wäre?

Wenn es der Olma und ihrem Direktor ein Anliegen war, sich vor 700 Ostschweizer Influencern aus Wirtschaft, Politik, Militär und Kultur im progressiven Licht zu präsentieren und das jährliche Fest frisch, frei und fröhlich zu lancieren, dann ist ihnen das doch eher misslungen.

Traditionen haben noch immer einen hohen Stellenwert

Keine Frage: In den kommenden acht Tagen werden Hunderttausende ins Festgelände strömen, sich wie früher köstlich amüsieren, Freunde treffen, Bier trinken, Wein degustieren, da und dort Nützliches und Überflüssiges kaufen. Die Kinder können Kühe streicheln oder mit dem Riesenrad eine Runde drehen. Die Olma ist und bleibt ein besonderes Volksfest, das nach wie vor eine ordentliche Anzahl Schweizerinnen und Schweizer nach wie vor in den Bann zieht.

Die Olma steht daher – im Unterschied etwa zur Basler Muba, der einst grössten Schweizer Messe, die heuer zum letzten Mal stattfand – nicht vor dem unmittelbaren Aus, auch wenn die Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung seit Jahren mit rückläufigen Besucherzahlen zu kämpfen hat. Es ist nicht verkehrt, auf bewährte Traditionen wie Tierschauen oder bäuerliche Sonderdarbietungen zu setzen. Traditionen haben für viele Menschen in Zeiten der galoppierenden Globalisierung einen hohen Stellenwert, das zeigen die Besucherzahlen an den Schwingfesten.

Doch Tradition und ländliches Brauchtum genügen nicht, wenn sich die Olma als beeindruckende Leistungsshow St.Gallens, mithin der ganzen Ostschweiz, mittelfristig erneuern will. Das Säulirennen, so herzig Manuela und Co. sind, hat man irgendwann gesehen. Und mit Fahnenschwingern und Jodlern alleine lockt man keine neuen Schichten an die Olma. Der Niedergang einer Institution setzt schleichend ein. Zuerst gärt es im Untergrund. Doch irgendwann treten die zersetzenden Kräfte an die Oberfläche.

Die Olma braucht eine Renovation

Dieses Schicksal könnte die Olma ereilen, wenn es Direktor Paganini und seiner Crew nicht gelingt, die Verwaltungsmentalität abzustreifen und die Messe als überraschende und innovative Veranstaltung neu zu erfinden. Dafür müsste sie sich zum einen aus der Umklammerung der traditionellen Landwirtschaft lösen. Zum anderen sollte sich die Olma konsequenter als Plattform für eine dynamische, experimentierfreudige und ja: städtische Ostschweiz verkaufen. Die Welt entwickelt sich, nur die Werbeagentur, welche die Olma vermarktet, ist stets dieselbe.

Die Olma hat eine Renovation ihrer behäbigen Fassade nötig, damit sie nicht zum inhaltsleeren Ritual verkommt. Sonst geht es ihr eines Tages wie Paul und Georg in Arno Camenischs Roman «Der letzte Schnee». Sie sitzen am Skilift aus dem Jahr 1971, der früher eine Goldgrube war, und warten auf Gäste. Und den Schnee. Beide kommen nicht mehr. Die Zeiten ändern sich, doch die älteren Herren ordnen die Billette für Junioren und Senioren. «Wir sitzen am Nabel der Welt», sagt einer. Wenn nur dieser Nebel und die hohen Temperaturen nicht wären.

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