Kommentar

Die Corona-Krise zeigt: Digitalisierung ist doch ganz gut

In technologische Entwicklung werde die Menschheit ins Verderben führen, hiess es in den letzten Jahren oft. Doch kein Computervirus, sondern ein biologisches Virus sorgt für die grösste Krise der Nachkriegszeit. Zum Glück hilft uns die Technik, sie zu meistern.

Raffael Schuppisser
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Kein Computer-, sondern ein biologgisches Virus führte uns in die Kirse.

Kein Computer-, sondern ein biologgisches Virus führte uns in die Kirse.

Es ist kein Computervirus, der unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft heruntergefahren hat. Dabei wuchs die Sorge davor mit der zunehmenden Abhängigkeit von der Informationstechnologie. Experten warnten zu Beginn des Millenniums, Computer könnten den Sprung in die neue Zeitrechnung nicht schaffen.

Es könnte zu einem Totalabsturz kommen. Nichts geschah. Realer wurde die Gefahr 2017, als sich der Computerwurm «Wanna Cry» durchs Internet frass: Einige Fabriken mussten die Produktion einstellen, mehrere Züge fielen aus und vereinzelt mussten Spitäler Operationen verschieben. Doch die Gefahr war rasch gebannt. Kein Vergleich zu dem, was wir jetzt erleben.

Es ist ein biologisches Virus, das die grösste Krise der Nachkriegszeit ausgelöst hat. Und es ist die – in den letzten Jahren oft gescholtene – technologische Entwicklung, die unsere Gesellschaft jetzt noch am Leben hält. Man stelle sich das alles ohne Internet vor!

Dass wir unsere Eltern nicht nur am Telefon hören, sondern ab und zu auch am Bildschirm sehen; dass die Banken trotz Homeoffice jetzt die notwendigen Sofortkredite vergeben können; ja auch dass Sie diesen Artikel, ob in der Zeitung oder auf dem Handy, lesen können, all das haben wir dem Internet zu verdanken.

Alle Menschen sind sich nun gleich nah

Mit unseren Freunden verabreden wir uns zu einem virtuellen Bier oder zu einem Zoom-Dinner. Der Technologie gelingt es, die Distanzen zu überbrücken, die sich nun aufgrund der Freiheitsbeschränkungen öffnen. Nur so schaffen wir es, gleichzeitig voneinander Abstand zu nehmen und dennoch solidarisch zusammenzustehen. Die oft als asozial verschrienen sozialen Medien tragen ihren Teil dazu bei. Ein netter Nebeneffekt davon: Wir sind uns nun alle gleich nah, der Freund in Tokyo ist nicht weiter weg wie der Kollege ums Eck.

Unser Alltag fühlt sich an wie in einem Science-Fiction-Roman: draussen wütet die Seuche, das Leben findet virtuell statt. Skype-Meetings haben sich in allen Firmen etabliert. Kleider und andere Konsumgüter werden gänzlich im Internet bestellt und nach Hause geliefert - vermehrt auch Lebensmittel. Die Detailhändler kommen den Bestellungen nicht mehr hinterher und rüsten auf. Das Unterhaltungsangebot gibt es digital: Serien, Games, aber auch virtuelle Theatervorführungen und Museumsbesuche.

Vieles wird nach der Krise bleiben, weil es praktisch ist

Vieles davon wird bleiben, auch wenn die Krise vorüber ist. Weil wir merken, dass es praktisch ist. Dinge gehen jetzt plötzlich, die man früher kategorisch abgelehnt hat. Viele Firmen merken, dass ihre Mitarbeiter nicht täglich Dutzende Kilometer pendeln müssen, um in einem Büro einen Computer und ein Telefon zu bedienen.

Wenn wir in Zukunft auch nur halb so viel Homeoffice machen wie jetzt, so lässt sich der Pendlerverkehr drastisch minimieren. Lehrer erkennen, dass auch Primarschüler die Fähigkeit entwickeln können, grössere Lernprozesse zu überblicken und nicht nur Arbeitsblätter lösen, weil man es ihnen aufträgt. Und uns allen dämmert vielleicht, dass uns die Entschleunigung gut tut, dass wir weniger umherhasten müssen für ein erfülltes Leben.

Das Coronavirus wirkt als Beschleuniger der Digitalisierung. Doch anders als vor der Krise ist sie für viele mit weniger Ängsten behaftet. Wir sehen vermehrt die positiven Effekte der Transformation und erkennen, dass wir ihr nicht machtlos ausgesetzt sind, sondern sie lenken können.

Unsere Sehnsucht nach dem Analgoen wurde grösser

Doch auch wenn wir jetzt wissen, dass die technologische Entwicklung nicht in einer Dystopie enden muss. So sind wir doch froh, wenn dieser Science-Fiction-Plot ein Ende nimmt. Wenn die Sperrzonen, die mancherorts eingerichtet wurden, wieder verschwinden.

Wenn wir draussen wieder in Cafés sitzen können, wenn wir Freunde wieder umarmen dürfen, wenn wir Romane nicht nur als E-Books herunterladen, sondern wieder in einer Buchhandlung stöbern können. Was wir lange geahnt haben, bestätigt sich jetzt: Je stärker sich das Digitale in unserem Alltag ausbreitet, desto grösser wird die Sehnsucht nach dem Analogen.