Kommentar
Die Geschenkorgie an Weihnachten ist unnötig

Kinder werden in den nächsten Tagen mit Geschenken überflutet. Dabei wäre es viel wichtiger, sich ernsthaft für sie zu interessieren.

Stefan Schmid
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Hanspeter Schiess

Was willst du von Papi und Mami oder von den Grosseltern zu Weihnachten? Kaum ein Kind, das dieser Tage nicht mit dieser Frage bedrängt wird. Einen Dinosaurier vielleicht? Ein ferngesteuertes Auto? Oder eine Drohne gar?

Während die grösseren Kinder – längst an den Materialismus gewohnt – ganze Wunschlisten abgeben, sind die Kleinen überfordert. Sie denken angestrengt nach. Einen oder vielleicht zwei Wünsche kriegen sie auf die Reihe. Doch dann ist Schluss.

Was sollen sie nur sagen, wo sie doch schon alles haben?

Ein Feuerwehrauto? Das hat der Grosspapi zum Geburtstag gebracht. Ein Bergbähnli? Steht im Kinderzimmer. Eine Playstation? Oder doch ein neues Snowboard?

Keine Frage, es ist etwas Schönes, Menschen, die man lieb hat, zu beschenken. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Doch was sich in unseren übersättigten Breitengraden an Heiligabend und Weihnachten abspielt, sprengt jedes vernünftige Mass.

Besonders Kinder werden mit Geschenken regelrecht überflutet. Sie wissen nicht mehr wohin damit. Sie vergessen noch am Weihnachtstag, wer ihnen was geschenkt hat. Aber dankbar sollen sie bitteschön sein. Und Freude zeigen angesichts des materialistischen Wahns, der da über sie hereinbricht.

Man könnte jetzt daran erinnern, dass es weltweit Millionen Kinder gibt, die froh wären, an Weihnachten überhaupt etwas Warmes zu essen zu bekommen. Doch lassen wir diese moralinsaure und freudlose Argumentation. Sie hilft nicht, weil sie kaum etwas mit unserer Realität zu tun hat. Unser Problem ist der Überfluss, die wahnwitzige Verfügbarkeit sämtlicher existierender Konsumgüter dieser Erde.

Man könnte den weihnächtlichen Konsumrausch aber durchaus kritisch hinterfragen. Zum Beispiel unter ökologischen Gesichtspunkten. Wer entsorgt all die Berge an plastifizierten Kinderspielsachen, die früher oder später im Abfall landen? Oder man könnte die Frage stellen, welches Weltbild wir denn unserem Nachwuchs mit dem weihnächtlichen Kaufrausch vermitteln wollen? Jenes der materiellen Masslosigkeit, des grenzenlosen Überflusses? Wo sich das persönliche Glück daran misst, wer mehr Dinge besitzt? Grösser, weiter, höher, schneller?

In einer liberalen Gesellschaft muss jeder selber entscheiden, welche Werte er vermitteln möchte. Vielleicht bleiben wir deshalb ganz simpel bei der Frage, die Hirnforscher eindeutig zu beantworten vermögen: Was macht ein Kind glücklicher? Materieller Überfluss? Oder Zeit und echte Anteilnahme, die ihm geschenkt werden? «Die meisten Geschenke sind fragwürdige Verführungen», sagt Gerald Hüther, emeritierter Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen.

Für die Gehirnentwicklung sind Erfahrungen entscheidend. Diese Erfahrungen werden in Form von Netzwerkstrukturen im Hirn verankert. Es gelte, Kinder so zu begleiten, dass möglichst viele dieser Strukturen angelegt werden. Wer den Fokus primär auf Materielles lege, verenge den Blickwinkel der Kinder. Durch Besitz glücklich zu werden, sei jedoch ein Irrglaube. Hinzu kommt, dass Erwachsene meist an sich selber denken, wenn sie Kinder beschenken. Der Schenkende will, dass sich die Kleinen mit einem bestimmten Thema beschäftigen. Oder er will sich selbst eine Freude bereiten.

Kinder werden so zum Objekt gemacht.

Grundbedürfnisse nach Geborgenheit und Autonomie werden verletzt. Es muss nicht leer sein unterm Weihnachtsbaum, das fehlte noch. Geschenke sind nicht per se etwas Schlechtes. Aber Zurückhaltung ist dennoch angezeigt.

Für das Wohlergehen unserer Kinder gibt es wichtigeres als das neueste Spielzeug, das neueste Handy, die neueste Mode. Echtes Interesse an ihren Themen und Geschichten zu entwickeln, sich auf sie einzulassen, auch wenn es manchmal mühsam oder langweilig ist. Wer Kinder ernst nimmt, macht sie stark. Wer ihnen Freiräume lässt, fördert ihre Neugier und steigert ihr Selbstvertrauen.

Es ist Zeit, umzudenken. Es ist Zeit, die Scham abzulegen, auch einmal nichts zu schenken. Ausser Zeit und wahres Interesse. Gehen Sie mit ihren Kindern in den Wald und bauen eine Hütte. Am besten noch am Weihnachtstag. Und seien Sie gewiss: Die Grosseltern werden schon dafür besorgt sein, dass die Kleinen an Heiligabend ein paar Päckli aufmachen können.

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