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Kommentar

Die Bauern haben viele Chancen,
sie müssen sie nur packen

Auch wenn die Zahl der Bauernhöfe sinkt und Landwirte oft über ein zu tiefes Einkommen klagen - ihre Zukunftsperspektiven sind gar nicht so schlecht.
Jürg Ackermann
Jürg Ackermann, stv. Chefredaktor St.Galler Tagblatt.

Jürg Ackermann, stv. Chefredaktor St.Galler Tagblatt.

Die Zahl der Bauernhöfe sinkt. Das war auch letztes Jahr so, wie die Strukturerhebung des Bundes diese Woche zeigte. Über 15 Prozent aller Bauernbetriebe sind allein in der Ostschweiz seit 2008 verschwunden. Sind die Landwirte bald vom Aussterben bedroht?

Auf diese Idee könnte man kommen, wenn man den Pessimisten und Mutlosen zuhört. Sie sagen: Wenn die Politik auch nur eine Schraubendrehung in der Landwirtschaftspolitik ändert, ist es aus. Damit meinen sie vor allem die sieben Milliarden Franken, die den Bauern jedes Jahr über Subventionen oder indirekt über den strengen Grenzschutz zufliessen. Kaum ein anderes Land zahlt so viel an das bäuerliche Einkommen wie die Schweiz.

Doch immer mehr Landwirte erkennen auch: So düster sind ihre Zukunftsaussichten gar nicht – egal was die Politik macht. Die Zeit spielt ihnen nämlich in die Hände. Die Stichworte heissen Digitalisierung, Sehnsucht nach Heimat oder wachsendes ökologisches Bewusstsein, das sich nicht nur in der gegenwärtigen Klimadebatte zeigt.

Kein Mensch wird glücklich, wenn er den ganzen Tag auf Bildschirme starrt. Im Gegenteil. Er will sich wieder erden, den Duft von frisch gemähtem Gras einatmen, Beeren pflücken oder Rindern und Schafen beim Grasen zuschauen. Eine zunehmend rastlose und globalisierte Gesellschaft wie die unsrige, sehnt sich geradezu nach Vertrautem. Und hier spielt das Essen, spielen die Bauern eine zentrale Rolle.

Landwirtschaftliche Idylle: Ein Kuh vor dem noch immer verschneiten Säntis. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Landwirtschaftliche Idylle: Ein Kuh vor dem noch immer verschneiten Säntis.
Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Das ermöglicht innovativen Landwirten lukrative Nebenerwerbe - nicht nur über Hofläden. Beispiele dafür gibt es einige. So spriessen rund um Zürich Erlebnis-Bauernhöfe aus dem Boden, die nicht nur an schönen Frühlingstagen von Besuchern überrannt werden. Oder in der Region Murtensee erlebt gerade der Gemüsetourismus einen kleinen Boom. Dort können Besucher sehen, wie die Kohlrabi und Rüebli in den Gewächshäusern wachsen, die sie später im Laden kaufen.

Jedes Produkt erzählt eine Geschichte. Und davon haben die Schweizer Landwirte so einige, die die Land-Sehnsucht vieler Städter bedienen. Selbst Supermärkte haben angefangen, die Bauern auf den Packungen abzubilden, auf deren Hof die Hühner die Bio-Eier legen. Zudem setzen Restaurants, die etwas auf sich halten, auf lokale Produkte ohne lange Transportwege. Sie wissen: Bei vielen Gästen stehen frisch zubereitete Lebensmittel aus der Region oben auf der Wunschliste.

Die steigende Zahl von Bio-Betrieben, von Hofläden oder auch der hierzulande noch in den Kinderschuhen steckende Agrotourismus zeigen es: Einige Landwirte haben diese Marktchancen bereits erkannt. Die Voraussetzungen sind in der Schweiz fast schon ideal, weil es sich viele leisten können, die teureren, dafür nachhaltig produzierten Produkte zu kaufen, auch wenn es noch längst nicht alle tun.

Die Lömmenschwiler Landwirtin Lucia Neff bei der Arbeit auf ihrem Hof. Bild: Benjamin Manser.

Die Lömmenschwiler Landwirtin Lucia Neff bei der Arbeit auf ihrem Hof.
Bild: Benjamin Manser.

Die digitalen Kanäle bieten den Bauern zudem neue Möglichkeiten im Direktverkauf. Einige haben angefangen, ihre Produkte auch bis zur Haustüre der Konsumenten zu liefern. Denn immer mehr von ihnen suchen den direkten Kontakt zum lokalen Bauern. Während sie eine Abneigung dagegen entwickeln, dass das günstige Gemüse aus den Grossverteilern unter teils fragwürdigen Bedingungen in Südspanien produziert wurde.

Angesichts dieser Umstände dürften die Bauern ihre Produkte durchaus mit noch mehr Selbstvertrauen und Stolz vermarkten. Dafür braucht es nicht einen derart rigiden Grenzschutz, wie er heute besteht und wie er oft zum Stolperstein bei den für die übrige Wirtschaft wichtigen Verhandlungen zu Freihandelsabkommen wird.

Nicht jede auch noch so sanfte Marktöffnung stellt gleich die Existenz der Schweizer Landwirtschaft in Frage. Im Gegenteil. Sie böte mit ihrem Zwang zur Innovation auch neue Chancen. Die Bauern müssen sie nur packen.

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