Kommentar

Die Angst vor diesem Virus ist zu gross – warum es wichtig ist, die Fakten und nicht die Emotionen ins Zentrum zu stellen

Verständlich, dass die Behörden jetzt übervorsichtig reagieren. Dennoch sollten wir uns nicht närrisch machen lassen. Die Gefahr, die von diesem Virus ausgeht, ist nach heutigen Erkenntnissen überschaubar.

Stefan Schmid
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Hanspeter Schiess

Dem auf einer Welle der Euphorie surfenden FC St.Gallen drohen Geisterspiele. Fasnachtsumzüge werden landauf, landab abgesagt. Der Engadin Skimarathon ist annulliert. Theateraufführungen und Konzerten droht ebenfalls die Absage.

Die Massnahmen, die in der Schweiz gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus getroffen werden, sind drastisch. Die Behörden, allen voran der Bundesrat, sind vor dem Druck eingeknickt. Verständlicherweise.

Niemand will in dieser unübersichtlichen Situation Fehler machen.

Niemand, der Verantwortung trägt, will sich später vorwerfen lassen müssen, die Gefahr unterschätzt und den Tod vieler Menschen fahrlässig in Kauf genommen zu haben.

Insofern wäre es jetzt zu billig, Bundesrat Berset und dem Bundesamt für Gesundheit Panikmache oder eine Überreaktion vorzuwerfen. Dennoch ist es angesichts einer manchenorts hyperventilierenden Berichterstattung angezeigt, die Fakten und nicht die Emotionen ins Zentrum der Diskussion zu stellen.

In 80 Prozent der Fälle führt das Coronavirus zu einer harmlosen Erkältung. Die Ansteckungsgefahr ist gemäss Danuta Reinholz, der obersten Ärztin des Kantons St.Gallen, mittelschwer, etwas höher als bei einer normalen Grippe, aber deutlich geringer als etwa bei Masern. Die Mortalitätsrate steige ab 60 Jahren an und liege leicht über der saisonalen Grippe. Kinder seien kaum gefährdet.

Zur Risikogruppe gehören ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen. In China, wo das Virus zuerst ausgebrochen ist, nimmt die Zahl der Neuansteckungen bereits wieder ab. In der Schweiz gibt es bis Freitagabend sechzehn Erkrankungen. Alle verlaufen bisher vergleichsweise harmlos.

Experten wie der Immunologe Beda Stadler oder der Infektiologe Pietro Vernazza halten die Aufregung um das Virus daher für komplett übertrieben. Voreilig sei aus medizinischer Sicht auch die Absage von Grossereignissen wie dem Engadin Skimarathon. Die Gefahr, dass sich sportliche Menschen beim Langlaufen auf dem Silsersee mit gefährlichen Tröpfchen anstecken, tendiere gegen Null.

Aber eben: So spricht, wer keine Verantwortung übernehmen muss.

Ätzend an der heillosen Aufregung sind weniger die Vorsichtsmassnahmen der Behörden, sondern die zahlreichen Versuche von Politikern, aus der allgemeinen Verunsicherung Kapital zu schlagen. Das Geschäftsmodell der Apologeten der Angst läuft in solchen Situationen wie geschmiert. Zu finden sind sie primär am rechten, vereinzelt aber auch am linken Rand des politischen Spektrums.

Prominente Vertreter der SVP etwa versuchen seit Tagen mit einer für schweizerische Verhältnisse verstörenden Skrupellosigkeit, einen Zusammenhang zwischen der weltweiten Ausbreitung des Virus und der Personenfreizügigkeit in Europa zu konstruieren. Wer ja sage zur Begrenzungsinitiative, über welche das Stimmvolk am 17. Mai befindet, stoppe auch die Ausbreitung von Krankheiten, wird suggeriert.

Dass dies Nonsens ist, weiss die SVP natürlich auch.

Doch nach ihrer Wahlniederlage im Oktober und dem angekündigten Rücktritt des netten Präsidenten Albert Rösti geht es nun offensichtlich vor allem einmal darum, Krawall zu machen.

Nicht viel besser verhalten sich einige orientierungslose Gesellen zur Linken, die sich nicht entblöden, den entschlossenen Kampf gegen das Virus mit dem halbherzigen Vorgehen gegen den Klimawandel in Relation zu bringen. Hauptsache, man kann den eigenen Senf im aktuellen Kontext unter die Leute bringen.

Es ist wohl alles halb so schlimm. Dennoch ist es richtig, vorsichtig zu sein. Hände waschen, andere nicht anhusten, zu Hause bleiben bei Krankheitsanzeichen. Hamsterkäufe bringen nichts. Die Welt geht nicht unter. Und die Akteure des FC St.Gallen könnten ja am spielfreien Wochenende im Engadin etwas langlaufen gehen.

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