Gastkommentar

Der Wert eines Menschenlebens: Dass nicht alle Menschen gleich viel zählen, war schon eine Tatsache vor dieser Pandemie

«Wir müssen nicht nach dem generellen Wert eines Lebens , sondern nach dem von uns definierten fragen», schreibt unsere Gast-Autorin.

Joelle Weil
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Joelle Weil. Freie Journalistin, lebt in Tel Aviv.

Joelle Weil. Freie Journalistin, lebt in Tel Aviv.

Ich möchte nicht mit einer Selbstverständlichkeit «wir» sagen, als wären wir alle eine homogene Masse von Menschen. Mit «wir» meine ich in den folgenden Zeilen Menschen wie mich, die gerade nicht daran glauben, dass diese Pan­demie im Labor gezüchtet wurde, damit Pharma­konzerne sich ihren dicken Bauch kraulen können.

Die sich einen Maskenvorrat gekauft hat und sich auch keine Sekunde über die Tragepflicht aufgeregt hat, sondern sich über diejenigen aufregt, die sich aufregen.

«Wir» sind eigentlich gute, folgsame Bürger, und wir glauben dementsprechend natürlich auch, das Richtige zu tun. Und während wir uns für unser Durchhaltevermögen und unseren Gehorsam auf die Schulter klopfen, schauen wir mit einer kaum zu überbietenden Arroganz auf diejenigen runter, die eine andere Meinung haben als wir und ihre Zweifel an der Gesamt­situation äussern.

Jeder, der es wagt, etwas anderes zu sagen als der Regierungstenor, gehört zu den sogenannten «Covidioten», und mit dieser überheblichen Haltung treiben wir eine ganze Menschenschar in die Arme jener, die ihnen Asyl bieten.

Wir hätten bemerken können, welche Doppel-Moral wir leben

Aber «wir» kommen nicht ganz kritikfrei aus dieser Pandemie-Geschichte raus, meine lieben Mitdenker. Wir haben uns in diesem Zusammenhang komplett von unseren Emotionen steuern lassen und in einem emotionalen Anfall der Überheblichkeit allen kritischen Stimmen einen Stempel auf die Stirn gedrückt.

Nicht, dass viele von ihnen diesen Stempel nicht verdient hätten, aber drei kritische Diskussionen mehr hätten uns auch nicht dümmer gemacht. Man hätte auch etwas früher zuhören können. Für gedankliche Horizonterweiterung. Und bei kritischerem Hinterfragen unserer Haltung wäre uns vielleicht auch aufgefallen, welche Doppelmoral wir leben.

Stattdessen haben wir uns alle selbstgerecht mit der Frage nach dem «Preis eines Menschen­lebens» auseinandergesetzt und uns darüber aufgeregt, wenn es jemand gewagt hat, diesen Preis zu nennen. Wie viele wurden während der letzten Monate gerettet? Wie vielen wurde geschadet? Befindet sich diese Zahl im Gleich­gewicht? Oder nicht?

Es ist eine moralische Frage, die nach dem Preis des effektiven Lebens. «Effektiv» deshalb, weil es nicht ausschliesslich ums reine Überleben geht in dieser Diskussion, sondern auch um die Qualität dieses Lebens nach unserem Lebensstandard.

Jetzt können «wir» uns schockiert darüber zeigen, dass ich es an dieser Stelle überhaupt wage, diese Frage offen zu stellen. Und wir können auch weiterhin so tun, als hätten wir dem Menschenleben nicht längst einen Preis aufgedrückt. Nicht jedes Leben zählt gleich viel, das ist heute so, und das war auch vor dieser Pandemie so.

Die einen gilt es zu retten, die anderen lässt man ertrinken. Die einen können mit der Rega aus dem Ausland in die Schweiz geflogen werden, während es anderen an Banalitäten mangelt. Die einen kriegen eine elektronische Treppenhilfe, während andere aufgrund dieses unüberwindbaren Hindernisses ihr Haus nicht mehr verlassen können.

Die eine Explosion mit ihren Opfern erschüttert uns im Kern, während ein Grossbrand und seine Opfer zum Problem der anderen werden. Diese Welt und diese Prinzipien haben wir alle mitgeschaffen, und ich sehe herzlich wenig Widerstand gegen dieses System.

Nach dem Wert eines Menschenlebens fragen, meint, was wir definiert haben

Wir müssen uns nicht nach dem generellen Wert, sondern nach dem von uns definierten fragen: Was ist UNS ein Menschenleben wert? Und wer diese Frage unmoralisch findet, dem gratuliere ich zu einem überaus ausgereiften Moralverständnis.

Blumen gibt es dafür keine, dafür lebenslangen Herzschmerz. Es ist kein Pandemie-Problem, das wir plötzlich haben. Es ist auch keine Pandemie-Frage, die sich plötzlich stellt. Der Preis des Lebens und die Wertung, ob ein Leben lebenswert ist oder nicht, liegen längst vor.

Da kann eigentlich keiner seine Hände in Unschuld waschen.