Kommentar

Bernie Sanders – der alte Mann, dem die Herzen der Jugend zufliegen

Drei Gründe, warum Bernie Sanders in den US-Vorwahlen unter jungen Amerikanern der beliebteste Präsidentschaftskandidat ist.

Renzo Ruf, Washington
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Er ist der älteste Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Trotz eines Altersunterschiedes von fast 50 Jahren verstehen sich Alexandria Ocasio-Cortez, Parlamentarierin aus New York City, und Bernie Sanders, Senator aus Vermont, ausgesprochen gut. Mehr noch: Das 29-jährige Aushängeschild des linken Parteiflügels machte im Schlussspurt des ersten Urnengangs im Vorwahlzirkus – die Resultate der Wahl (Primary) in New Hampshire standen bei Redaktionsschluss noch nicht fest – Wahlkampf für Sanders. Am Montag sprach Ocasio-Cortez in einem Sportstadion auf einem Universitätscampus in Durham und versicherte den mehr als 7500 Anwesenden, dass «Bernie», wie er von allen genannt wird, der ideale Herausforderer von Präsident Donald Trump sei.

Ocasio-Cortez ist bei weitem nicht das einzige Mitglied der Generation Y, das sich für den 78-jährigen Präsidentschaftskandidaten stark macht. An Sanders’ Wahlkampf-Events in den Bundesstaaten Iowa und New Hampshire fiel auf, wie jung das Publikum war. Und auch Meinungsumfragen zeigen mit einer gewissen Regelmässigkeit, dass es nicht etwa der 38-jährige Pete Buttigieg, Ex-Stadtpräsident von South Bend (Indiana) ist, der die jungen Generationen begeistert – sondern Bernie Sanders, Berufsaktivist aus dem ländlichen Vermont.

Für diesen Trend, der sich bereits im Wahlkampf 2016 abzeichnete, gibt es drei Gründe.

1. Die Programmatik

Es mag seltsam klingen, aber der alte Senator, der oft barsch wirkt, spricht jungen Wählerinnen und Wählern aus dem Herzen. Die Themen, auf denen Bernie Sanders seinen Wahlkampf aufgebaut hat, brennen den jungen Amerikanern unter den Nägeln: Der Klimawandel, das soziale Ungleichgewicht in der grössten Volkswirtschaft, die Kostenexplosion im Gesundheits- und Bildungswesen. Dass seine Pläne geradezu revolutionär sind und Sanders sich als Demokratischen Sozialisten bezeichnet, daran stören sich seine Anhänger nicht.

Auch ist es ihnen egal, dass Sanders während Auftritten selten Publikumsfragen beantwortet und stattdessen seine Standardrede wiederholt. Im Gegenteil: Sie finden, Sanders sei wenigstens ehrlich, und er sei einer der wenigen Politiker, der sein Programm nicht von Beratern habe weichspülen lassen.

2. Die Beharrlichkeit

Sanders stieg in den frühen Siebzigerjahren in die Politik ein, als Gouverneurskandidat einer linken Splittergruppe im damals noch konservativen Vermont (er verlor). Er ist also buchstäblich seit fünf Jahrzehnten politisch tätig.

Auffallend ist, wie wenig sich Bernie über die Jahre hinweg geändert hat. Auf YouTube, dem TV-Kanal der jungen Generation, kann man sich Reden anschauen, die er in den Achtzigerjahren hielt – in denen er, in fast gleichen Worten wie heute, Super-Reiche kritisiert, die zu wenig Steuern bezahlten, und sich über das unfaire Krankenversicherungswesen in Amerika beklagt. Immer und immer wieder sagen seine (jungen und alten) Wähler: «Bernie lässt sich nicht verbiegen.»

3. Die Biografie

Im Wahlkampf 2020 spricht Sanders häufiger als bisher über seine Herkunft. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen im New Yorker Stadtteil Brooklyn, als Sohn jüdischer Eltern mit Wurzeln in Osteuropa. Student an der University of Chicago in den turbulenten Sechzigerjahren, in denen er sich an den Bürgerrechtsprotesten und den Anti-Vietnam-Demonstrationen beteiligte. Gerade junge Latinos, Kinder von Einwanderern aus Mittel- oder Südamerika, spricht diese Lebensgeschichte an, weiss doch Bernie aus eigener Erfahrung, was es heisst, ein Fremder im eigenen Land zu sein.

Interessanterweise hat sich Sanders auch dazu entschlossen, häufiger über sein Verhältnis zum Judentum zu sprechen, obwohl er sich nicht wirklich als einen religiösen Menschen bezeichnet. Er erwähnte kürzlich, wie schockiert er gewesen sei, als er als Kind mit Holocaust-Überlebenden gesprochen und mehr über die Nazi-Diktatur erfahren habe. Deshalb setze er nun alles daran, die Spaltung im heutigen Amerika zu überwinden, sagte Sanders. Es gehe nicht darum, ob jemand eine dunkle Hautfarbe habe, oder schwul sei. «Wichtig ist, dass wir alle Menschen sind.»

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