Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Kommentar

Das Drama um den Brexit: Nicht einmal Gott kann die Königin beschützen

Mit der Verschiebung des Brexit bekommt auch die Schweiz mehr Zeit, ihr Verhältnis zu Europa zu klären. Das Drama der Briten gibt uns Schweizern Hinweise darauf, wie widerborstig wir auftreten können.
Stefan Schmid
Stefan Schmid

Stefan Schmid

Die englische Sprache ist bekannt für ihren riesigen Wortschatz. Rund 170’000 Wörter sind aktuell rund um den Globus gebräuchlich. Das sind fast 100’000 Wörter mehr als im Deutschen. Awesome.

Seit ein paar Wochen ist die Sprache Shakespeares um eine Wortschöpfung reicher: Brexiting. Zu Deutsch: Jemand sagt an einer Party allen tschüss, hängt aber nach einer halben Stunde schon wieder an der Bar herum.

Der Humor wird die Briten vielleicht retten. Theresa May, die amtierende Regierungschefin, eher weniger. Sie wurstelt sich seit Monaten durchs Brexit-Drama, das nicht mehr aufzuhören scheint.

Neuester Akt: Die Europäer geben den Briten nochmals ein halbes Jahr Zeit, dem pfannenfertigen Austrittsvertrag zuzustimmen. Die Stimmen, die glauben, das Vereinigte Königreich werde die EU gar nie verlassen, werden von Monat zu Monat zahlreicher. We will see.

Was aber können wir Schweizer, die wir uns ja ebenfalls in einer Art Hängepartie mit Brüssel befinden, aus dem Brexit lernen? Das epische Ringen zwischen der Union einerseits und einem militärisch wie wirtschaftlich gewichtigen Mitgliedstaat andererseits, der nach Autonomie strebt, liefert Anschauungsmaterial für die freiheitsliebenden Eidgenossen. Auch sie wissen aktuell nicht so recht, wie sie ihr Verhältnis zu Europa gestalten sollen. Auch sie hadern mit der Tatsache, dass die Spielregeln in Brüssel gemacht und von Partnern, die mitspielen wollen, tendenziell übernommen werden müssen.

Erstens: Der Leitsatz der Brexiteers, «Take back control», ist ein Fake. Die Anhänger des Brexits machten der Bevölkerung glauben, mit einem Austritt aus der EU hole sich das Land die volle politische Kontrolle zurück. Was für ein Trugschluss! Die EU diktiert den Briten die Austrittsbedingungen und das künftige Verhältnis. Nicht umgekehrt.

Für uns Schweizer heisst das: Vorsicht gegenüber jenen Politikern, die uns das Märchen von der Unabhängigkeit und der helvetischen Souveränität erzählen.

In einer Welt, in der ökonomisch alles miteinander verbunden ist, gibt es nur mehr oder weniger voneinander abhängige Staaten. Das kann man gut oder schlecht finden. Es ist einfach so.

Zweitens: Die harte Konfrontation mit der EU führt nicht zu einem besseren Resultat. Theresa May taktiert seit Monaten und verkauft die Haut der Briten so teuer wie nur möglich. Schweizer EU-Kritiker wie CVP-Präsident Gerhard Pfister sehen in der Britin daher ein Vorbild für den Bundesrat, der in Brüssel endlich klüger und härter auftreten müsse. Allein: Was hat May damit erreicht? Nichts. Der Austrittsvertrag ist bisher nicht neu verhandelt worden, nur das Austrittsdatum wurde verschoben. Das bestätigt letztlich jene Kräfte, die gar nicht mehr an einen Brexit glauben. Wird die britische Regierungschefin daran gemessen, ob sie ihr Land – wie vom Volk gewünscht – aus der EU führt, dann nimmt sich ihr Leistungsausweis bescheiden aus.

Drittens – und das ist die wichtigste Erkenntnis: Die EU bleibt selbst in stürmischen Zeiten eine pragmatische Macht. Die Heisssporne, welche die Briten am liebsten über Bord geworfen hätten, sind eine Randgruppe. Am Ende setzen sich jene Kräfte durch, die an einer vernünftigen Lösung interessiert sind.

Für uns Schweizer bedeutet das: Die EU wird uns kaum abstrafen, wenn wir dem Rahmenabkommen noch nicht zustimmen mögen. Sie wird auch zu einem späteren Zeitpunkt Hand für einen Deal bieten. Wir können uns also getrost etwas Zeit lassen.

Wir müssen den Europäern selbstverständlich sagen, dass wir mit dem Vertrag da und dort unzufrieden sind. Wir sollten nur nicht glauben, dass die EU unsere Maximalvorstellungen akzeptieren und uns für die notorische Widerborstigkeit üppig honorieren wird.

Bis es zum Showdown kommt, bleibt somit Zeit, dem Brexit-Drama beizuwohnen. Als nächstes müssen die Briten, die eigentlich austreten wollen, das EU-Parlament wählen. Oh my goodness! Nicht einmal Gott kann die Königin beschützen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.