BODENSEE-SOMMER
Eine Hymne auf den schönsten See Europas – einen ganzen Sommer lang

Die Schweiz ist das Land der Seen. Doch keiner ist so erhaben, so majestätisch, so verbindend wie der Bodensee. Die «Tagblatt»-Redaktion erzählt einen Sommer lang Seegeschichten. Kommen Sie mit und lassen Sie sich treiben.

Stefan Schmid
Stefan Schmid
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Sommer am See.

Sommer am See.

Bild: Donato Caspari

Wenn es früher hiess, wir fahren an den See, war immer klar, welcher See damit gemeint war. Wir verlebten Stunden an seinen Gestaden, auch wenn wir – wie die meisten Ostschweizer – nicht direkt am Wasser zu Hause waren. Zählten die Möwen, die über dem Hafen kreisten, liessen uns ins laue Wasser fallen, lutschten an der Glacé, den Blick zum Pfänder oder dem Zeppelin über Friedrichshafen schweifend. Fragten als Kind bange, warum trotz Sturmwarnung immer noch zahlreiche Bötchen auf dem See im Winde gondelten. Und staunten, wie sich Farbe und Geruch des Sees von Minute zu Minute veränderten.

Das Wasser zog uns auch im Winter in den Bann, dann, wenn man einsam den Wellen zusehen konnte, wie sie sich an den Kieselsteinchen überschlagen. Wir ergötzten uns an den Eisblumen, welche die schlafende Vegetation am Seeufer verzauberten. Und schauten in den Nebel, der das deutsche Ufer verschlang, was Hermann Hesse, der zeitweilig am Bodensee lebte, zum Gedicht «Im Nebel» inspirierte:

«Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein.»

Es gibt keinen See weit und breit, der es mit dem majestätischen Gewässer im Dreieck zwischen der Schweiz, Österreich und Deutschland aufnehmen könnte. Diese Weite, dieses Licht, diese Kraft. Landsleute, die weiter westlich leben, staunen jedes Mal, wenn sie den Bodensee erblicken. Das verkannte Meer der Schweiz. Die Deutschen wissen da besser Bescheid. Und adelten den See schon längst zum Schwäbischen Meer.

Ihnen, liebe Ostschweizerinnen und Ostschweizer, müssen wir die Schönheiten des Bodensee nicht mehr erklären. Dennoch nehmen wir Sie in den kommenden Sommerwochen gerne auf eine Entdeckungsreise mit. Dutzende Kolleginnen und Kollegen der «Thurgauer Zeitung» und des «St.Galler Tagblatts» haben sich aufgemacht, heimliche und unheimliche Seegeschichten aufzuspüren.

Zum Beispiel jene vom Berufsfischer, der jeden Morgen in See sticht in der Hoffnung, es mögen sich seine Netze füllen. Oder die Geschichte über die vielen Bodenseeleichen, die auf dem Grund liegen und nie mehr auftauchen werden. Wir begleiten einen ausgebildeten Matrosen, der nach jahrelanger Pause wieder am Steuer eines Schiffes steht. Wir blicken zurück ins Jahr 1912, als 13 Menschen auf kaum mehr vorstellbare Weise in Ruderbooten vor Rorschach ums Leben kamen.

Wir erklären, warum sich Deutschland, die Schweiz und Österreich nie auf Grenzziehungen im Bodensee verständigen konnten und es deswegen trotzdem keinen Krieg gab. Wir besuchen die FKK-Badi im vorarlbergischen Hard und ergründen die Frage, warum es sich offenbar in Österreich nackt schöner baden lässt als hierzulande. Wir fahren mit dem Rennvelo um den See, machen Halt in den schönsten Strandbars, treffen Menschen, die das ganze Jahr im See schwimmen, tauchen ab nach seltenen Fischen und versunkenen Schiffen und begleiten die Seepolizei auf Patrouille.

Kommen Sie mit und lassen Sie sich treiben – gerade auch, wenn Sie meinen, bereits alles über den Bodensee zu wissen. Das Spannendste am Dreiländereck ist ja, um es erneut in den Worten von Hermann Hesse zu sagen, das Verbindende, das Gemeinsame der Menschen, die rund um den See wohnen. «Ich lernte mein Leben lang die Grenzen zwischen Deutschland und der Schweiz nicht als etwas Natürliches, Selbstverständliches und Heiliges kennen, sondern als etwas Willkürliches, wodurch ich brüderliche Gebiete getrennt sah», hielt Hesse zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Erste Weltkrieg den Kontinent in Freund und Feind teilte, subversiv fest. Die Bodenseeregion als humanistische Gegenthese zum nationalistischen Furor der Grossmächte.

«Und schon früh erwuchs mir aus diesem Erlebnis ein Misstrauen gegen Landesgrenzen und eine innige, oft leidenschaftliche Liebe zu allen menschlichen Gütern, welche ihrem Wesen nach die Grenzen überfliegen und andere Zusammengehörigkeiten schaffen als politische.»

Nun, die Grenzen am Bodensee, die sind immer noch da. Aber sie sind spielerischer, leichter, überwindbarer geworden. Dass die Menschen am See zusammengehören, hat die Coronapandemie und die damit verbundene Grenzschliessung eindrücklich gezeigt. Der Bodensee, diese Antithese zum kleinkarierten Nationalismus, der da und dort im 21. Jahrhundert wieder Urständ feiert? Mit diesem schönen Gedanken ziehen wir los. Steigen Sie ein.