Gastkommentar

Bitte Geschichtsbuch öffnen: Kapitel XXI - die Welt nach der Corona-Krise

Was werden die Schüler im Jahr 2050 einmal über die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts in ihren Geschichtsbüchern lesen? Wahrscheinlich über die Folgen von zwei Trends, die wir heute schon spüren, und die Antwort auf eine Frage, auf die wir heute wohl noch keine schlüssige haben.

Daniel Kalt
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Daniel Kalt, Chefökonom der UBS Schweiz.

Daniel Kalt, Chefökonom der UBS Schweiz.

Keystone

Wenn sich unsere Nachkommen dereinst in den Geschichtsbüchern über Geschehnisse in den Anfängen des 21. Jahrhunderts informieren, werden sie vermutlich auch davon lesen, dass die Menschheit in dieser Zeitperiode zweimal schmerzhaft hat erfahren müssen, dass die Globalisierung zu einem systemrelevanten Risiko geworden war.

Schon zum Ende des ersten Jahrzehnts hatte die enorme Vernetzung im Finanzsystem dafür gesorgt, dass dieses infolge von Verwerfungen im zuvor kaum beachteten amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt beinahe kollabiert wäre. Ein Ereignis das als grosse Finanzkrise in die Geschichtsbücher Eingang fand.

Ein gutes Jahrzehnt später dann breitete sich ein Virus namens Sars-CoV-2 in enormem Tempo über den Erdball aus und zwang die Regierungen weltweit zu drastischen Eindämmungsmassnahmen, um einen Kollaps der Gesundheitssysteme abzuwenden. Dies wiederum führte zu einer extrem synchronen und tiefen globalen Rezession, die mit ebenso historisch einmaligen fiskalpolitischen Stützungsprogrammen abgefedert werden musste. Die Lehren aus diesen Ereignissen – so wird wohl berichtet werden – gaben in der Folge jenen Trends Rückenwind, die schon zuvor in Ansätzen beobachtbar waren.

De-Globalisierung

Schon ab 2016 waren mit der "America first"-Doktrin von US-Präsident Trump wie auch dem Brexit und dann später besonders markant mit dem Ausbruch des Handelsstreits zwischen den USA und China schon klare Anzeichen dafür zu erkennen, dass sich die Regierungen vieler Nationen wieder verstärkt auf ihre nationalen Interessen und einen Schutz ihrer bestehenden, eigenen Branchen und Produktionsstandorte fokussierten. In den westlichen Industriestaaten hatte sich schon zuvor in weiten Bevölkerungskreisen die Einsicht durchgesetzt, dass eine ungezügelte Globalisierung durch den fast ungehinderten weltweiten Austausch von Kapital, Gütern, Dienstleistungen, Know-how und vor allem Arbeitskräften in der weniger gut ausgebildeten Arbeitsbevölkerung mehr Verlierer als Gewinner generiert.

Durch die Corona-bedingte Schockwelle, ausgelöst durch die massiven Störungen und Verzögerungen in den globalen Lieferketten, dürfte zudem auch bei vielen Unternehmen das Bewusstsein für die enormen Abhängigkeiten in einer globalisierten Lieferkettenstruktur gestiegen sein. Deswegen wäre es nicht verwunderlich, wenn in den Geschichtsbüchern dereinst beschrieben wird, dass die Coronakrise den Trend hin zu einer lokaler ausgerichteten Produktionsstruktur deutlich beschleunigt hat.

Nachhaltigere Produktionsstrukturen

Hand in Hand mit einer lokaleren Produktion gehen auch die Anliegen jener Kreise, die eine verstärkte Nachhaltigkeit in unserem Wirtschaftssystem fordern. Vor- und Zwischenprodukte über den gesamten Globus verteilt und beim jeweils kostengünstigsten Lieferanten einzukaufen, mag geholfen haben, immer effizienter und letztlich für den Konsumenten günstiger zu produzieren. Wenn allerdings die für eine globale Produktionsstruktur notwendigen Transportkosten "zu günstig" sind (will heissen, dass zum Beispiel mit fossilen Energieträgern betriebene Transporte ihre wahren, der Umwelt und der menschlichen Gesundheit aufgebürdeten Kosten nicht decken), dann stellt sich mit der Zeit eine "zu globale" Produktionsstruktur ein. Diese sogenannten "externen (Gesundheits- und Umwelt-) Kosten" zu internalisieren, sprich dem Energieträger selbst anzulasten, ist das zentrale Ziel einer richtig – also fiskalquotenneutralen – ausgestalteten Lenkungsabgabe auf fossilen Energieträgern. Vielleicht wird dereinst berichtet, dass ab dem dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts die Einführung solcher Lenkungsabgaben die relativen Preise langer Transportwegen deutlich erhöht und ebenfalls in Richtung einer lokaleren und damit nachhaltigeren Produktion gewirkt haben.

Rivalität der Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme

Ein dritter Aspekt der gegenwärtigen Coronakrise könnte sein, dass das Ereignis zu einem weiteren Kristallisationspunkt für die seit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts aufflackernde Rivalität zwischen zwei konkurrierernden Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen wurde. Nämlich den westlichen, auf individuellen Freiheitsrechten beruhenden liberalen und demokratischen Systemen und dem wohl am stärksten von China geprägten Modell eines autokratischen, durch eine rigorose staatliche Überwachung und Lenkung gekennzeichneten Einparteisystems.

Schon wenige Wochen nach dem Auftreten des Coronavirus scheinen erste Interpretationen dahin zu gehen, dass es den autokratischen (vor allem asiatischen) Regimen besser gelinge, die Krise schnell und effektiv zu überwinden.

Mir scheint es hingegen noch reichlich früh für eine nur schon halbwegs schlüssige Einschätzung darüber, welches Gesellschafts- und Wirtschaftssystem die Krise schneller überwunden und danach die besseren Karten auf eine weiterhin prosperierende Entwicklung hat. Eine Antwort darauf werden wir dereinst in den Geschichtsbüchern finden.