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Gastkommentar

Bildung: Mehr als Fitmachen für den Beruf

Neue Fächer verdrängen immer mehr musisch-ästhetische oder handwerkliche Fächer - was der Bildung zunehmend schadet.
Mario Andreotti
Mario Andreotti.

Mario Andreotti.

Wer die andauernden Forderungen nach Bildungsreformen verfolgt, erkennt schnell wiederkehrende Muster. Die zentrale Forderung ist die ökonomiekonforme Verkürzung des Unterrichts auf Wirtschafts- und Technikfächer und damit auf vermeintlich berufsbezogene Kompetenzen. Von einer umfassenden Bildung, bei der die rationale und die ästhetische Seite im jungen Menschen geschult werden, ist dabei kaum noch die Rede. Die musisch-ästhetische und die handwerkliche Bildung scheinen immer mehr zu verkümmern. Fächer wie Bildnerisches Gestalten und Musik, aber auch Geschichte und Literatur und nicht zuletzt der Handarbeits- und Werkunterricht werden zunehmend gekürzt oder fallen ganz weg. Und dies, obwohl Kognitionswissenschaftler, Psychologen und Pädagogen die Bedeutung der ästhetischen Anreize und Eindrücke und der Körpererfahrung beim Lesen, Schreiben, Musizieren und Werken längst als eine entscheidende Grundlage des Lernens erkannt haben.

Es ist daher notwendig, die ästhetischen, gestalterischen und handwerklichen Fächer im Fächerkanon der Schule, gleichberechtigt neben allen anderen Fächern, wieder vermehrt zu verankern. Denn die Persönlichkeit eines Menschen ist, wie eingangs angedeutet, beides: rational und musisch-ästhetisch. Das war schon der griechischen Antike bekannt, sind doch bei Aristoteles die vier zentralen Unterrichtsfächer Lesen und Schreiben, Mathematik und Zeichnen, Sport und Musik. Wer sicher lesen und schreiben kann, der nimmt teil am gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben. Und wer mathematisch denken, Mathematik als Sprache verstehen lernt, kann mehrdimensionale Räume erkunden und eigene Welten damit konstruieren. Und wer sich schliesslich mit Geschichte befasst, dem wird die Geschichtlichkeit der eigenen Existenz immer mehr bewusst.

Die Musik mit ihren Notationen und Partituren öffnet ihrerseits den Weg zu anderen formalisierten Zeichensystemen, etwa der Naturwissenschaften. Über sie, vor allem wenn selbst musiziert wird, können zudem Stimmungen intensiviert, aber auch abgebaut werden. Nicht zuletzt soll auch der Körper mit seinen Sinnesorganen, soll auch die Hand, folgen wir Heinrich Pestalozzis ganzheitlicher Pädagogik, geschult werden. Wird sie das nicht, so verkümmert das Gehirn, weil Schülerinnen und Schüler dann im wörtlichen Sinn nichts «be-greifen», da sie nichts mit den Händen greifen.

Daher ist es unerlässlich, dass Fächer wie Sprache, Mathematik, Geschichte, Musik und Sport, die in einer langen Tradition stehen, an unseren Schulen wieder die unangefochtene Basis des Unterrichts bilden. Sie dürfen nicht von anwendungsbezogenen Fächern wie «Wirtschaft und Recht» und «Medien und Informatik» und – in den Primarschulen – von den Frühfremdsprachen fast verdrängt werden. Gerade auf der Sekundarstufe II besteht diese Gefahr aber; und dies umso mehr, als die gymnasiale Ausbildungszeit in den letzten dreissig Jahren anhaltend erodiert ist, wie eine Studie zur Entwicklung der gymnasialen Unterrichtszeit gezeigt hat. Das hatte zur Folge, dass in erster Linie die geisteswissenschaftlichen Fächer Literatur, Geschichte, Politische Bildung und Philosophie flächendeckend gekürzt wurden, wenn sie nicht, wie die Alten Sprachen Latein und Griechisch, grösstenteils ganz wegfielen. Damit ging ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur und des humanistischen Bildungsgutes verloren. Dass dieser Verlust mitverantwortlich für die weithin beobachtete Abnahme von Kenntnissen und Fertigkeiten unserer heutigen Studienanfängerinnen und -anfänger ist, steht ausser Frage.

Es braucht dringend eine Rückbesinnung auf das, was humanistische Bildung wirklich ist. In ihrem Zentrum steht nicht die Frage, wie man möglichst gut verdienende Arbeitnehmer heranzieht oder welches Wissen morgen zur Förderung des Wirtschaftswachstums benötigt wird. Im Zentrum stehen der Mensch und seine freie Entwicklung zu mehr Menschlichkeit. Dazu bedarf es gerade auch jener Disziplinen, die nicht nach dem Prinzip des unmittelbaren Nutzens «funktionieren».

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