Kommentar

Belarus: Gefährliches Gleichgewicht

«Limbus» hiess in der katholischen Theologie die Vorhölle. Dort, wo die Seelen auf ihr weiteres Schicksal warteten. «In limbo» bedeutet auf Englisch in einem Zustand der Unentschiedenheit verharren. Das trifft zu auf Weissrussland, wo das Pendel in beiden Richtungen ausschlagen kann.

Paul Flückiger, Warschau/Minsk
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Eine Demokratiebewegung habe eh keine Chance in Belarus, hiess es. Doch es kam anders. Im Präsidentschaftswahlkampf von Belarus waren Betrug und Lügen des Autokraten zu gross geworden. Das Fass überlief, und die Geduld der Weissrussen war plötzlich erschöpft.

Seit sechs Wochen gehen nun die Proteste unvermindert weiter. Die massive Repression am Anfang mit Tausenden von Festnahmen und Folter in U-Haft bewirkten das Gegenteil. Die Bürgerwut wurde noch grösser. Und statt der Männer gingen nun eben die Frauen auf die Strasse. Das Regime liess sie gewähren, änderte die Taktik.

Nun aber werden auch die gewaltlosen Frauen geschlagen, die Repression in der Provinz nimmt zu. Denn Lukaschenko hat endlich verstanden, dass ihm ein breiter Volksaufstand droht. Auch deshalb wird er nun offen vom Kreml unterstützt. Denn Putin weiss, dass ihm ähnliches droht, sobald seine Popularität in Russland unter 50 Prozent sinkt. Das motiviert zu Experimenten im abhängigen Nachbarland.

Doch dieser Schulterschluss hat dem Regime in Minsk bisher keinen Vorteil im Kampf gegen die Strasse verschafft. In Belarus herrscht weiterhin ein gefährliches Gleichgewicht zwischen Volksaufstand und staatlicher Repression. Beide Seiten warten auf einen neuen Impetus. Es könnten weitere Lügen, aber auch Todesschwadronen sein. Beides wäre nicht neu.

Oder aber die Opposition überschreitet jene «rote Linie», vor der sie Putin gewarnt hat. Sie muss dies nicht selbst tun, der ex-Geheimdienstler in Kreml kennt viele Methoden. Eine Radikalisierung ist zu erwarten, soviel scheint klar.