Leserbrief
Beihilfe zum Töten – Neutralität steht unter Druck

Christoph Ullmann, Steckborn
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Schweizer Söldner waren im Mittelalter und in der Neuzeit begehrt bei Kriegsherren, weil sie für Geld alles tot- und kleinschlugen, was ihnen vor Hellebarde oder Flinte kam; oft standen Eidgenossen zu beiden Seiten der Front. Der Historiker Jost Auf der Maur sagt in einem Interview mit der «Zeit», die Schweiz sei «500 Jahre lang … der grösste Kriegsdienstleister Europas» gewesen, mit einer satten Million Kriegern. Schlächtereien wie in Solferino bewirkten ein Umdenken, das unter anderem 1863 in der Gründung des Roten Kreuzes gipfelte. Schon 1815 gaben die europäischen Grossmächte eine Garantie für die Unverletzlichkeit der Schweiz ab, gegen die Verpflichtung, dass sich diese inskünftig aus fremden Händeln heraushalte.

Und heute? Die schweizerische Neutralität ist zur Lachnummer geworden: In fremden Händeln töten keine Schweizer mehr, aber Tausende leisten dort Schützenhilfe, indem sie von hier aus als Waffenschmiede oder deren Angestellte eine Industrie in Gang halten, welche Kriegsgerät und Munition in die halbe Welt verschickt. Beihilfe zum Töten; die Hände bleiben frei vom Blut, die Augen verschont vom Grauen, und Geld riecht nicht. Die Rüstungsindustrie ist weder für den Werkplatz Schweiz noch für die volkswirtschaftliche Wertschöpfung von Bedeutung. Das Arbeitsplatzargument dient stets als Vorwand. Doch haben sich Unternehmen nie gescheut, Leute zu entlassen, wenn es gerade nicht so gut lief.

Der Stadler-Konzern macht vor, wie man innovativ eine weltweit konkurrenzfähige Friedensindustrie aufbaut, anstatt die Welt immer gefähr­licher zu machen.

Und wie steht es mit dem Beitrag zur Sicherung unseres Landes? Viele Firmen der hiesigen Rüstungsindustrie sind ganz oder teilweise in ausländischem Besitz. Die Schweizer Luftwaffe ist so weit von den USA abhängig, dass die Software der F/A-18 nur von amerikanischen Experten nachgerüstet werden kann; die Kennwörter bleiben ein amerikanisches Geheimnis.