Bauch einziehen! Läuft eine Kamera, verändert auch der ganz normale Familienvater sein Verhalten

Unser Kolumnist hat sich einen Dokfilm angeschaut. Dieser zeigte Vater und Sohn in tiefer Einsamkeit. Aber ganz so einsam waren sie dann doch nicht, schreibt Bernard Thurnheer - und zieht daraus einen Schluss für jedermann.

Bernard Thurnheer
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Bernhard Thurnheer

Bernhard Thurnheer

Pd

Es war wirklich ein eindrücklicher Dokumentarfilm über das Leben der Inuit in Grönland. Gezeigt wurde, wie ein Vater mit seinem etwa 12 Jahre alten Sohn eine rund 500 Kilometer lange Reise quer über das blanke Eis unternahm, ausgerüstet nur mit einem Kompass als einzigem Wegweiser und einem Schlitten mit dem Nötigsten, gezogen von zwei Hunden. Diese Weite! Diese Kälte! Vor allem aber: Diese Einsamkeit! Die beiden ernährten sich vornehmlich von Fischen, die sie unterwegs fingen, indem sie runde Löcher ins Eis schnitten, um dort ihre Ruten ins Wasser halten zu können. Einmal wurde, zum Glück nur in weiter Ferne, ein Eisbär gesichtet.

Eine Kollegin, mit der ich den Film anschaute, war emotional tief berührt. Diese Gefahren! Von einem Eisbären gefressen werden! Selbst nichts mehr zum Essen zu haben, wenn die Fische nicht anbeissen. Zwei Menschen ganz allein auf sich gestellt, allein auf einer Fläche von Tausenden von Quadratkilometern!

«Na ja, ganz so einsam waren sie ja nicht», warf ich dann einmal ein.

«Wie meinst du das?»

«Ausser dem Vater und dem Sohn waren, zumindest auf dieser Reise, auch noch ein Kamera­mann und vermutlich auch noch ein Tonoperateur mit dabei. Auf einem zweiten Schlitten. Mit weiteren zwei Hunden.»

Ob die Filmcrew zu ihrer Verpflegung wohl Sandwiches dabei hatte? Wenn Vater und Sohn am Verhungern gewesen wären, hätte sie ihnen sicher die Hälfte davon abgegeben, oder? Gefahr des Verhungerns, Einsamkeit? Nicht wirklich ...

Ich gebe zu, es war ein bisschen gemein von mir, die ganze Stimmung, die der Film herauf­beschworen hatte, dank meinen Berufskenntnissen zu zerstören und alle Illusionen zunichte zu machen. Aber im Zeitalter der Fake-News kann es nicht schaden, sich immer wieder bewusst zu werden, wie ein Film entsteht – auch sogenannte Dokumentarfilme.

Es soll sie weiterhin geben, es existieren viele hervorragende, sie sind etwas vom Besten eines jeden Fernsehprogramms. Aber alle Zuschauerinnen und Zuschauer sollten wissen: Sobald irgendwo eine Kamera bemerkt wird, die läuft, beginnt jeder Mensch sich ganz leicht anders zu verhalten, anders zu reden: Der Familienvater zieht den Bauch ein. Der Politiker, der gewählt werden will, spricht etwas gesitteter als neulich am Stammtisch. Die Wohnungen, in denen die Stars ein Interview geben, sind alle soo sauber und soo aufgeräumt, von «normalem Alltagsleben» keine Spur. So hat jede Person plötzlich drei verschiedene Leben: Das wahre Privatleben, das Leben in der Öffentlichkeit und ein für die Öffentlichkeit inszeniertes Privat­leben, seit einiger Zeit auch unter dem Begriff «Facebook-Leben» bekannt.

Nicht jeder, der gefilmt wird, ist ein Filmstar, aber jeder beginnt dann ganz unbewusst ein bisschen zu schauspielern. Er will dann weiterhin ganz sich selbst sein. Einfach ein bisschen besser.