Analyse
Aufklärung ist zentral: Nun müssen die Behörden die Impfskeptiker an Bord holen

Kommende Woche werden in der Schweiz erstmals Menschen gegen Corona immunisiert. Neben der Logistik ist vor allem eines wichtig: Mit Transparenz, Offenheit und Geduld sollten möglichst viele vom Nutzen der Vakzine überzeugt werden.

Andreas Möckli
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Die Arzneimittelbehörde Swissmedic hat am Samstag das ganze Land überrascht. Wurde noch vor einer Woche Kritik laut, die Schweiz könne im Vergleich zu Europa ins Hintertreffen geraten, geht es nun plötzlich sehr schnell: Der Corona-Impfstoff der Hersteller Pfizer und Biontech hat offiziell die Zulassung in der Schweiz erhalten. Die Grundlage ist eine klinische Studie über 43'000 Teilnehmern, die weltweit durchgeführt wurde. Die Resultate von 36'000 Personen sind bereits ausgewertet worden.

Andreas Möckli

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Sandra Ardizzone / INL

Bereits nächste Woche wollen erste Kantone mit Impfen beginnen. Vermutlich werden schon bald Bundesrat Alain Berset und andere Prominente öffentlichkeitswirksam ihren Arm hinhalten. Wie gut die ganze Logistik in den einzelnen Kantonen funktioniert, wird sich nun zeigen. Nachdem zahlreiche Kantone während der zweiten Welle alles andere als brilliert haben, sind die Befürchtungen vielerorts gross, dass sie auch die Impfkampagne vermasseln.

Doch vieles deutet darauf hin, dass die Immunisierung der Bevölkerung gegen Corona funktionieren könnte. Besonders die ressourcenstarken Kantone haben viel Vorarbeit geleistet, die Logistik in Zusammenarbeit mit der Armee steht. Ein Risiko bleibt. Kleinere Kantone sind möglicherweise nicht so gut aufgestellt wie grössere. Bewahrheitet sich dies, ist der Aufschrei in den betroffenen Kantonen programmiert.

Ängsten entgegnen und Sorgen ernst nehmen

Das Tempo der Impfkampagne ist aber nur ein Faktor. Matchentscheidend wird sein, ob es den Behörden gelingt, möglichst viele Menschen im Land vom Nutzen einer Corona-­Impfung zu überzeugen. Die Skepsis in der Schweiz ist gross. Dass dies auch in vielen ­anderen Ländern der Fall ist, macht die Ausgangslage nicht besser.

Die Skepsis zum neuen Impfstoff ist gross, Aufklärung ist nun zentral. (Symbolbild)

Die Skepsis zum neuen Impfstoff ist gross, Aufklärung ist nun zentral. (Symbolbild)

Christian Beutler / KEYSTONE

Daher müssen Bund, Kantone, Mediziner und weitere Wissenschafter alles daransetzen, die Bevölkerung möglichst transparent über die Corona-Impfstoffe aufzuklären. Dazu gehören insbesondere auch die Nebenwirkungen. Lediglich darauf zu verweisen, dass die Daten der klinischen Studien öffentlich zugänglich sein werden, reicht nicht. Es braucht eine Übersetzungs­leistung – und zwar eine um­fassende.

Viele Menschen verstehen nicht, wie es möglich war, im Rekordtempo ein Covid-Impfstoff zu entwickeln. Normalerweise geht doch das viel länger, da kann doch etwas nicht stimmen, argumentieren die Skeptiker. Nicht wenige fragen sich, weshalb nicht schon längst einen Impfstoff gegen HIV oder Krebs entwickelt wurde. Wenn es doch bei Corona so schnell geht, dann müsste doch schon seit Jahren ein HIV-Impfstoff zur Verfügung stehen, lautet der Tenor.

Ein Akt der Solidarität

Die Antworten auf diese Fragen sind zwar vorhanden. Sie sind jedoch kompliziert und nicht nur mit ein paar Sätzen zu beantworten. Deshalb müssen nun die Wissenschafter und Behördenvertreter hinstehen und aufklären. Die fundamentalistischen Impfgegner wird man wohl nie überzeugen können. Viele der Skeptiker dagegen schon – und davon gibt es nicht wenige. Ihre Sorgen und Bedenken sollen ernst genommen werden. Das hat nun in den kommenden Monaten grosse Priorität. Sonst bleibt die Herdenimmunität von über 60 Prozent der Bevölkerung ein unrealistisches Ziel.

Und noch etwas ist wichtig: Die Impfung hilft nicht nur der Person, die sich immunisieren lässt. Es ist auch ein Akt der Solidarität gegenüber den Mitmenschen. Dies mag wie eine moralinsaure Phrase klingen, der Satz ist dennoch richtig. Mit einer Corona-Impfung schützt man sich nicht nur selbst, sondern man unterbricht mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Übertragung an andere.

Damit ist eine Annäherung an die Normalität im nächsten Jahr sichtbar. Hygienemassnahmen, Masken, Schutzkonzepte – das alles wird uns voraussichtlich weiter begleiten. Doch wenn die Auslastung der Intensiv­betten in den Spitälern sinkt und die Wirtschaft wieder halbwegs auf den Normalbetrieb einschwenken kann, dann ist schon sehr viel gewonnen. Auch dies ist ein ­gewichtiges Argument, mit dem sich der eine oder andere Impfskeptiker von der Wichtigkeit der neuen Vakzine überzeugen lassen dürfte.