Wackeliger Winterschlaf

Igelfreunde kritisieren die seismischen Messungen für das Erdwärmekraftwerk: Sie befürchten, dass die Erschütterungen und der Lärm die sensiblen Tiere aus ihrem Winterschlaf reissen könnten. Die Stadt wiegelt ab.

Markus Symank
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David gegen Goliath: Die 20 Tonnen schweren seismischen Spezialfahrzeuge könnten die Winterruhe der Igel beeinträchtigen. (Archivbilder: Urs Jaudas, ky/Ferdinand Ostrop)

David gegen Goliath: Die 20 Tonnen schweren seismischen Spezialfahrzeuge könnten die Winterruhe der Igel beeinträchtigen. (Archivbilder: Urs Jaudas, ky/Ferdinand Ostrop)

Seit gestern sind die seismischen Messungen für das geplante St. Galler Erdwärmekraftwerk in vollem Gange. Doch noch bevor die Spezialfahrzeuge überhaupt damit begonnen hatten, das Erdreich in Schwingung zu versetzen, haben sie bei Igelfreunden eine kleine Schockwelle ausgelöst. «Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich von dem Projekt gehört habe», sagt Roschi Schmitz.

Die Leiterin des Igelzentrums in Kreuzlingen befürchtet, dass die sensiblen Tiere durch die Messungen aus ihrem Winterschlaf wachgerüttelt werden. Und das hätte ihrer Meinung nach fatale Folgen: «Jungtiere, die schon angeschlagen sind, würden das kaum überleben.»

Igel besonders lärmempfindlich

Sie sei nicht gegen das Erdwärmeprojekt an sich, stellt Schmitz klar. «Es ist lediglich die falsche Jahreszeit dafür.

» Tatsächlich gelten Igel als sehr lärmempfindlich. Schmitz glaubt daher, dass die stacheligen Insektenfresser durch die Messungen besonders gefährdet seien. Während ältere Igel mit einem gesunden Fettpolster die vorübergehende Störung schadlos überstehen sollten, könnten sich ausgehungerte Tiere auf Nahrungssuche begeben – was im Winter ein aussichtsloses und häufig tödliches Unterfangen darstelle. «Deshalb hätten die Messungen erst im Frühling beginnen sollen», sagt Schmitz.

Bienen sind geschützt

Marco Huwiler, Leiter der Geothermie-Projekts, hält die Befürchtungen der Igelfreunde für grundlos. Er weist darauf hin, dass auch Landwirte und Förster mit ihren Fahrzeugen im Winter Lärm und Erschütterungen verursachen. Die mit dem Projekt betraute Firma DMT habe zudem bei früheren Messungen nie Probleme mit Tierschützern bekommen.

Eine Verschiebung der seismischen Messungen auf das Frühjahr sei ohnehin unmöglich: «Nach der Saat lässt uns kein Bauer mehr auf sein Feld.»

Weiter zeigt sich Huwiler überrascht, dass das Igelzentrum so spät auf das Thema aufmerksam macht. So hätten beispielsweise Imker schon früh auf mögliche Gefahren für die Bienen hingewiesen. Diese verbringen die kalten Monate in einem Dämmerzustand auf engem Raum. Auch sie könnten durch die Messungen empfindlich gestört werden.

Die Messtrupps halten daher einen Mindestabstand von 100 Metern zu allen Bienenstöcken.

Igelzentrum kontaktieren

Die Projektleitung will dennoch so weit wie möglich die Anliegen der Igelschützer berücksichtigen. Schmitz appelliert derweil an die Bevölkerung, aufmerksam zu sein: Aufgestörte Igel sollten nach Möglichkeit eingesammelt und mit Katzenfutter und Wasser versorgt werden. Für das weitere Vorgehen sei es ratsam, das Igelzentrum zu kontaktieren.

Igelzentrum Kreuzlingen: Telefon 079 789 74 46