Mehr Staat oder Bürgersinn?

Der Begegnungstag vom Samstag war auch ein Stück weit ein Tag der Freiwilligenarbeit; denn vieles im Bereich von Integration wird ehrenamtlich geleistet. Mit der Freiwilligenarbeit beschäftigte sich eingehend die begleitende Fachtagung.

Josef Osterwalder
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Der Begegnungstag war auch ein «Beregnungstag». Der Andrang war trotzdem gross und liess die Besuchenden zusammenrücken. (Bild: Michel Canonica)

Der Begegnungstag war auch ein «Beregnungstag». Der Andrang war trotzdem gross und liess die Besuchenden zusammenrücken. (Bild: Michel Canonica)

Nächstes Jahr wird erstmals ein neuer Preis verliehen: der «Prix Benevol». Dies kündete am Samstagmorgen Peter Künzle an, der Geschäftsführer von Benevol St. Gallen. Der Preis möchte der Freiwilligenarbeit mehr Aufmerksamkeit sichern. Sie wird still und unentgeltlich geleistet und oft kaum wahrgenommen. Dabei könnte die Gesellschaft ohne Freiwilligenarbeit gar nicht existieren.

«Wie viel Freiwilligenarbeit braucht es in unserer Stadt?», hiess das Thema der Fachtagung, die den Begegnungstag begleitete. Eine Veranstaltung, die deutlich machte, wie komplex die Frage ist. Gut, dass darum zehn Jahre nach dem UNO-Jahr der Freiwilligenarbeit das nächste Jahr unter dem gleichen Thema stehen wird, diesmal im europäischen Rahmen.

Verzerrtes Bild

Fragen wurden am Samstag gleich reihenweise aufgeworfen: Was muss im Bereich der Wohlfahrt der Staat leisten? Wo setzt eine sinnvolle Freiwilligenarbeit an? Wie können Freiwillige motiviert werden? Und welche Ansprüche müssen an ehrenamtlich Tätige gestellt werden?

Im einleitenden Referat gab Professor Ueli Mäder einen Überblick über die heutige soziale Situation der Schweiz. Eine nicht eben ermutigende Auslegeordnung.

Denn nach seiner Analyse hat ein Teil der Bevölkerung gar keine Möglichkeit, Freiwilligenarbeit zu leisten. Die «Working Poor» zum Beispiel brauchten ihre ganze Energie, um überhaupt überleben zu können. Zudem verzerre die Statistik das Bild der sozialen Situation. Die Zahl der von Armut Betroffenen sei viel höher, als dies die Tabellen glaubhaft machten.

Wohlfahrt als Staatsaufgabe

Für den Basler Soziologen ist es Aufgabe des Staates, die Existenzgrundlage zu sichern. Dies könne er niemals an private Wohltätigkeit delegieren. Freiwilligenarbeit aber sei dennoch unerlässlich, weil sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichere.

Professor Mäder plädiert für eine freiwillige Sozialzeit. Und dies nicht einfach, um sich als Wohltäter der Menschheit wohl fühlen zu können.

Nachhaltiger sei ein anderes Motiv: das Erlebnis, dass man im sozialen Einsatz für den Mitmenschen neue Einsichten gewinne.

Bei der Frage nach den Motiven setzte auch Peter Künzle an. Der von ihm geleitete Benevol-Dienst unterstützt Organisationen, die auf der Suche nach freiwilligen Mitarbeitenden sind: «Die Motivationsfrage ist die grosse Herausforderung.» Auch er betont, dass der Freiwilligendienst eine bereichernde Erfahrung schenken sollte: durch die Menschen, die die Freiwilligen kennenlernen, und das Neue, das sie erleben.

Niemals sollte versucht werden, mit Geld der Motivation nachzuhelfen. Im nächsten Jahr wird Benevol einen «Danke- schön-Shop» eröffnen. Dieser will Hinweise auf sinnvolle Geschenke geben, mit denen Freiwilligenarbeit anerkannt werden kann; er wird auf Alternativen zu den üblichen Weinflaschen und Blumensträussen hinweisen.

Heidi Gstöhl, die Leiterin des Amtes für Gesellschaftsfragen, erklärte, dass die Direktion für Soziales mit rund 50 Einrichtungen zusammenarbeite, die von Vereinen mit ehrenamtlichen Vorständen getragen würden.

Hier ist die Stadt darauf angewiesen, dass bei den Vorstandsmitgliedern nicht nur viel guter Wille, sondern eine ganze Reihe weiterer Eigenschaften vorhanden ist: Sachverstand, Zuverlässigkeit, Sorgfaltspflicht, Integrität, Diskretion, Schweigegebot und Toleranz gegenüber andern Lebenskonzepten.

Ein Dauerthema

Der Integrationsbeauftragte Peter Tobler konfrontierte in einer abschliessenden Diskussionsrunde vier Mitglieder des Stadtparlaments mit dem Fragenkomplex.

Wobei Claudia Buess, Sylvia Huber, Maria Huber und Karl Eckstein ebenso unterschiedliche Akzente setzten wie die Votanten aus dem Publikum. Was Stadtrat Nino Cozzio ein klares Fazit ziehen lässt: «Das Thema muss und wird uns weiter beschäftigen.»