Öffentlicher Verkehr

Zürichs neues Tram stösst bei Fahrgästen und -personal auf Anklang

Seit zehn Tagen ist das Flexity-Tram in Zürich unterwegs. "Es beschleunigt schön und bremst schön", sagt eine Trampiloten. Fahrgäste schätzen die hygienischen Holzsitze und dass es nicht rumpelt. Doch kleine Störungen gibt es immer, wie eine VBZ-Sprecherin sagt.

Matthias Scharrer
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Das erste neue Tram vom Typ Flexity fährt auf der Linie 11 durch Zürich.
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Die Sitze sind aus Holz.
Die neuen Trams sollen helfen, das bevorstehende Mobilitätswachstum in der Stadt Zürich zu bewältigen.
Die Lieferung aller 70 bestellten Fahrzeuge soll per 2024 abgeschlossen sein.
Das neue Tram verfügt über USB-Steckdosen zum Aufladen von Handys.
Das Flexity ist etwa 7 Meter länger und kann 58 Personen mehr transportieren als ein Cobra-Tram.

Das erste neue Tram vom Typ Flexity fährt auf der Linie 11 durch Zürich.

Matthias Scharrer

Via Flexity-Tracker habe ich es kommen sehen auf dem Handy-Bildschirm: das neue Flexity-Tram, unterwegs von Zürich-Nord zur Bahnhofstrasse. Nun kurvt es am Hauptbahnhof vorbei, mit seiner hohen Stirn, der grossen, dunklen Windschutzscheibe und den listig dreinblickenden schmalen Scheinwerfern.

Seit zehn Tagen fährt Zürichs neues Tram auf der Linie 11 durch die Stadt. Noch hat es Seltenheitswert: Genau ein Flexity-Tram ist derzeit in Zürich unterwegs. Zwei weitere, die bereits ausgeliefert sind, sollen im November folgen, teilen die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) mit. Der unter vbzonline.ch anklickbare Flexity-Tracker zeigt auf, wo sich das neue Tram jeweils gerade befindet.

Ich steige an der Bahnhofstrasse ein. Das Innere des Flexity wirkt hell und leicht unterkühlt. Und da das Fahrzeug höher und länger als ältere Züri-Trams ist, zudem von vorne bis hinten stufenlos durchgängig und mit vielen Stehplätzen bei den Eingängen, erscheint es geräumig.

Beim Bahnhof Stadelhofen steigen viele Passagiere ein, alle mit Schutzmasken, und verteilen sich im langen Wagen. Die Holzsitze sind hart, aber nicht unbequem – und sicher hygienischer als die Polster im Tram 2000, wie eine ältere Passagierin meint. Ein anderer Fahrgast lobt, dass das Flexity nicht so rumpelt wie das Cobra, Zürichs zweitneustes Trammodell.

Endstation Rehalp. An der Wendeschlaufe bleibt kurz Zeit für ein paar Fragen an die Trampilotin und den VBZ-Mitfahrer, die während der Flexity-Startphase gemeinsam unterwegs sind. Sie berichten nur Gutes über das neue Tram. «Es beschleunigt schön und bremst schön», sagt die Chauffeuse. Auch die moderne Führerkabine gefällt ihr.

Videokameras ersetzen die Aussenspiegel. Zudem haben die Trampiloten im Cockpit die videoüberwachten Türräume auf dem Bildschirm. Ferner können sie die Führerkabine abschliessen und sind so vor unangenehmen Fahrgästen geschützt. Ein Schiebefenster in der durchsichtigen Trennwand zum Passagierraum ermöglicht aber bei Bedarf immer noch direkte Kommunikation.

«Kleine Störungen
gibt es immer»

Die Türen piepsen, wenn sie offen sind, damit Blinde sie leichter finden. Und: Wenn das Tram auf einer Strecke von 150 Metern keinerlei Bewegung der Trampilotin oder des -piloten registriert, sendet es einen Warnton. Falls die Person am Steuer daraufhin nicht gleich auf das sogenannte Totmannspedal drückt, kommt es automatisch zur Vollbremsung.

Aus Sicht der VBZ fährt das neue Tram einwandfrei, wie eine Mediensprecherin auf Anfrage sagt. Auf allfällige «Kinderkrankheiten» angesprochen, fügt sie an: «Kleine Störungen gibt es immer. Das Fahrpersonal muss sich nun an das Fahrzeug gewöhnen und Routine erlangen, bei welcher Störung welcher Knopf gedrückt werden muss.»

Nach und nach wird das Flexity seinen Seltenheitswert verlieren: Vier bis fünf weitere Fahrzeuge sollen laut VBZ-Angaben noch dieses Jahr eintreffen. Die Auslieferung erfolgt verspätet, weil sich die Produktion durch den Hersteller Bombardier wegen der Coronakrise in die Länge zieht, wie die VBZ mitteilten. Bis 2024 sollen aber alle 70 bestellten Fahrzeuge da sein und das rund 40 Jahre alte Tram 2000 ersetzen.

Fast so viele Fahrgäste wie anfangs Jahr sind derzeit in Zürichs Trams und Bussen unterwegs

Die Bevölkerung ist in Zürich trotz Coronakrise viel in Trams und Bussen unterwegs. Gemäss Messungen an der VBZ-Haltestelle Hardbrücke liegen der Fahrgastfrequenzen verglichen mit den ersten neun Wochen dieses Jahres, also der Zeit vor dem Lockdown, bei 75 bis 85 Prozent, wie eine VBZ-Sprecherin gestern auf Anfrage mitteilte. Nach dem Ende der Herbstferien haben die an der Hardbrücke gemessenen Fahrgastzahlen wieder zugenommen. Allerdings ohne wieder das Niveau von vor den Herbstferien zu erreichen, die in Zürich vor zwei Wochen endeten. «Wir gehen davon aus, dass dies bereits eine Auswirkung der verschärften Corona-Massnahmen vom 19. Oktober beziehungsweise gestiegenen Infektionszahlen ist», so die VBZ-Sprecherin. Am Schutzkonzept im öffentlichen Verkehr gebe es derzeit keine Änderungen. Es herrscht Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln sowie an allen Tram- und Bushaltestellen für Personen über 12 Jahren. (mts)