Forschung

"Weltweit einzigartiges Center": Universität Zürich erforscht, warum Mütter stillen

Eine neue Professur an der Universität Zürich erforscht die Beweggründe stillender Mütter und den Einfluss der Muttermilch auf die Entwicklung der Kinder. Eine Stiftung schiesst dafür 10 Millionen Franken ein.

Katrin Oller
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Muttermilch – das Beste für das Kind und die Mutter? Mehr Forschungsgelder sollen nun Klarheit bringen.

Muttermilch – das Beste für das Kind und die Mutter? Mehr Forschungsgelder sollen nun Klarheit bringen.

Schweiz am Wochenende

Man weiss, dass sich Stillen positiv auf die Gesundheit eines Babys auswirkt. Wenig ist jedoch bekannt über die Beweggründe stillender Mütter und wie sich deren Kinder und Jugendliche entwickeln. Damit werden sich ab Herbst Ökonomen der Universität Zürich im Rahmen einer neuen Stiftungsprofessur am Institut für Volkswirtschaftslehre beschäftigen.

Auf den ersten Blick hat Stillen wenig mit Ökonomie zu tun. Das sei aber ein Trugschluss, sagte Ernst Fehr, Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre, gestern vor den Medien. Die modernen Wirtschaftswissenschaften untersuchten schon lange, was Menschen glücklich und gesund mache. «Uns interessiert, wie Kinder zu kreativen, gesunden und sozialen Gesellschaftsmitgliedern werden.» Daher sei einer der Forschungsschwerpunkte seines Instituts die Kinder- und Jugendentwicklung. Dort setzt die neue Professur an, die sich auf das Stillen konzentriert.

Stabilere Persönlichkeiten?

«Es ist möglich, dass gestillte Kinder eine gute emotionale Bindung zu ihren Müttern entwickeln und später zu emotional stabileren Persönlichkeiten werden», sagte Fehr. Für solche Fragestellungen habe die Ökonomie geeignete Instrumente erarbeitet.

Da keine Experimente durchgeführt werden können, müssten die Forscher in der Gesellschaft zufällige Bedingungen erspähen, welche die Isolierung einer Ursache — des Stillens — möglich machen. Als Beispiel nannte Fehr die Verteilung von Hebammen auf die Mütter in einer Region. So entstehen statistisch identische Gruppen, die sich vergleichen liessen. Interessant seien auch die unterschiedlichen Kontexte in Entwicklungs- und Industrieländern. Die WHO rate etwa mit dem AIDS-Virus infizierten Frauen vom Stillen ab. «Wird aber bewiesen, dass die Alternative — Pulvermilch in schmutzigem Wasser — noch schlechter wäre, könnte sich das ändern.» Im Herbstsemester 2018 wird die neue Professur besetzt. Bereits ist eine Auswahl getroffen, Namen konnte Fehr noch keine nennen.

Hinter der Schenkung von 10 Millionen Franken für die Stiftungsprofessur und den dazugehörigen Forschungsfonds steht die Zuger Larsson-Rosenquist Familienstiftung (siehe Box). Es ist bereits die zweite Professur, welche die Stiftung in Zürich finanziert. 2015 hat sie 20 Millionen Franken in die medizinische Erforschung von Muttermilch investiert. Die erste Professur ist noch nicht besetzt, wie Uni-Rektor Michael Hengartner sagte, da die Wunschkandidatin abgesagt habe. Die Stelle werde nochmals ausgeschrieben.

Für Politik und Mütter

Neben den beiden Professuren in Zürich fördert die Stiftung auch andernorts die Erforschung der Muttermilch, etwa in Yale, Westaustralien und Kalifornien. Man wolle den Forschern Impulse und eine Plattform zur Vernetzung zur Verfügung stellen, sagte gestern Katharina Lichtner, Geschäftsleiterin der Stiftung. Auf die Forschung haben die Geldgeber jedoch keinen Einfluss, wie Hengartner betonte.

Die zweite Professur in Zürich sei ein Meilenstein, da es das weltweit erste sozioökonomische Zentrum zum Thema sei. Zudem könne diese Forschung Anregungen für Politik und Gesundheit geben. Die Erkenntnisse sollen dereinst auch Müttern helfen, die vor der Entscheidung stehen, zu stillen oder nicht.

Firma Medela steckt hinter den Geldgebern

Die Larsson-Rosenquist Familienstiftung

Die Familie Larsson-Rosenquist hat 2013 die weltweit erste Stiftung zum Thema Muttermilch und Stillen gegründet. Sie will die öffentliche und wissenschaftliche Anerkennung von Muttermilch als beste Säuglingsernährung fördern. In den nächsten fünf Jahren will sie 100 Millionen Franken in die Stillforschung investieren.
Das Interesse der Familie Larsson-Rosenquist an der Muttermilch kommt nicht von ungefähr. Der geborene Südschwede Olle Larsson gründete 1961 in Zug die Firma Medela, die Brustpumpen und andere Stillprodukte herstellt und heute globaler Marktführer ist.

Heute arbeiten die beiden Söhne des Gründers, Michael und Göran Larsson, im Unternehmen. Michael Larsson ist Präsident des Verwaltungsrats, während sein Bruder Göran die Familienstiftung präsidiert. (kme)