Verschwunden
«Es wurde zweimal eingebrochen bei mir»: Fast 100 Waffen nicht mehr auffindbar

Zwischen 2009 und 2019 sind aus einer Winterthurer Wohnung 96 Schusswaffen spurlos verschwunden. Der ehemalige Besitzer sagt, sie seien gestohlen worden. Trotzdem wurde er verurteilt.

Gregory von Ballmoos
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Der Beschuldigte hatte eine umfassende Waffensammlung angelegt.

Der Beschuldigte hatte eine umfassende Waffensammlung angelegt.

Themenbild: Heinz Diener

Begonnen habe seine Leidenschaft als Kind, erzählt der Mann. Sein Vater habe ihm ein Schrotgewehr gebaut. Er schoss damit als Achtjähriger auf Spatzen. Mit 72 Jahren wird ihm seine Passion zum Verhängnis.

Am 12. September 2009 kaufte sich der Mann eine Schrotflinte der Marke Bernardelli, Waffennummer 26987. Als seine Kinder ausgezogen waren, konnte er sich vermehrt seiner Leidenschaft widmen – und wie. In den folgenden knapp zehn Jahren kamen über 100 Schusswaffen dazu. Die letzte, eine Pistole von Ortgies, Kaliber 6,36 mm, Waffennummer 103113, erwarb er am 11. September 2019. Aufbewahrt hatte er die Waffen bei sich in der Wohnung in einer Winterthurer Arbeitersiedlung.

Die Auslegeordnung im Strafbefehl, den diese Zeitung einsehen konnte, liest sich wie das Inventar eines Waffenhändlers. Da sind beispielsweise 13 Smith-&-Wesson-Revolver aufgeführt, 1 von Astra, 1 High Standard, 1 Hämmerli, 2 Taurus, 7 Pistolen der Marke Walther, darunter eine PPK 9 mm, wie sie James Bond gerne benutzt, 1 Glock, 5 SIG Sauer, 3 Beretta, aber auch 1 Doppelflinte und 3 Gewehre. Alles fein säuberlich aufgeführt mit Waffennummer und Kaufdatum.

Die Waffen hat der 72-Jährige legal besessen, er hat einen entsprechenden Waffenschein. Dennoch fuhr im Sommer 2019 die Kantonspolizei Zürich mit über zehn Mann vor. Aufgrund polizeilicher Ermittlungen habe man «aus dringendem Tatverdacht» eine Wohnungsdurchsuchung veranlasst, schreibt die Staatsanwaltschaft. Gefunden wurden fast 50 Waffen verschiedenster Kaliber und Art. Auch ein Revolver, geladen mit 9 Schuss und ein Gewehr der Marke Winchester mit Zielfernrohr. Warum gegen den Rentner ermittelt wurde, will die Staatsanwaltschaft «mit Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte des Beschuldigten» jedoch nicht sagen. Die Waffen befinden sich nun beim Statthalteramt zur Kontrolle. Der ehemalige Besitzer geht davon aus, dass sie versteigert werden.

2019: 297 Waffen als verloren oder gestohlen gemeldet

Bemerkenswert ist jedoch vor allem, was die Polizei bei der Hausdurchsuchung nicht gefunden hatte. Gemäss dem Strafbefehl fehlten beim Mann 96 Schusswaffen. Der Rentner unterliess es, diese als gestohlen oder verloren zu melden. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2019 wurden im automatisierten Polizeifahndungssystem der Schweiz (Ripol) nur 297 Waffen als verloren oder gestohlen gemeldet, inklusive jene aus Winterthur. Das teilt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) mit. Zu einzelnen Fällen könne man sich nicht äussern, dies sei Sache der Kantone. Bei der Staatsanwaltschaft Zürich heisst es:

«Solch grosse Fälle sind selten, aber wir führen keine Statistik.»

Ob einige der Winterthurer Waffen schon gefunden wurden, will die Staatsanwaltschaft nicht sagen. Immerhin: Auf die Frage, ob eine oder mehrere Waffen im Zusammenhang mit einem Delikt aufgetaucht sind, schreibt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft: «Nein.»

«Es wurde zweimal eingebrochen bei mir»: Waffen im Wert von 300'000 Franken weg

Anders sieht das der Winterthurer Waffennarr. Laut ihm soll eine seiner Waffen für eine Drohung benutzt worden sein, dies habe die Polizei dann zu ihm geführt. Er sei dazu gedrängt worden, diese Waffe zu verkaufen. Der Käufer habe sie dann weiterverkauft, und der neuerliche Käufer habe damit einen «Scheissdreck» gemacht. So erzählt es der Mann, als ihn diese Zeitung besuchte, noch an der Haustür, bevor er den Journalisten in den ersten Stock in seine Wohnung bittet. Auch bei einem zweiten Besuch bleibt er bei dieser Version und ergänzt:

«Ich kannte den Käufer vom Schiessen, und er hat mir seinen Strafregisterauszug gezeigt, der war sauber.»

Auf den nötigen Waffenerwerbsschein verzichtete er daher. Die Staatsanwaltschaft widerspricht dieser Schilderung und bleibt auch auf Nachfrage bei ihrem «Nein», weitere Ausführungen mache man nicht.

Und was ist nun mit den anderen 95 Waffen? «Es wurde zweimal eingebrochen bei mir», sagt der Mann. Er verdächtigt einen Spanier, den er in Spanien kennen gelernt habe und mit dem er über seine Sammlung gesprochen habe. «Wissen Sie, wenn man etwas sammelt, redet man gerne darüber», erklärt er. Daraufhin habe ihn der Spanier zweimal ohne Voranmeldung, dafür in Begleitung seiner Mutter, besucht. Der Wert seiner Waffen soll sich auf über 300'000 Franken belaufen haben.

«Vorstellbar, dass er mit Waffen handelt»

Ein Waffenhändler, der die Liste analysierte, sagt: «Ich konnte auf den ersten Blick nichts finden, was speziell wäre. Auf jeden Fall könnte die Liste genauso gut eine Lagerliste von uns sein.» Ein Indiz, das auf einen Händler hindeute, sei zudem, dass ein Revolver (Smith-&-Wesson Mod. 60) sechs Mal aufgeführt ist. Es handelt sich dabei laut dem Waffenhändler um einen «stinknormalen» Revolver, der zu den meistverkauften Smith-&-Wesson-Revolvern gehöre. «Daher könnte ich mir gut vorstellen, dass er mit diesen Waffen handelt. Ich möchte hier allerdings niemanden anschuldigen», sagt er weiter. Mit Waffen zu handeln, ist nicht per se illegal, es braucht jedoch einen gültigen Waffenerwerbsschein.

In der kleinen Wohnung im Winterthurer Arbeiterquartier erzählt der Mann, dass die Einbrüche 2014 und 2016 stattgefunden haben sollen. Er habe diese der Versicherung gemeldet und auch Geld dafür bekommen. Den Verlust der Waffen bei der Polizei zu melden, habe er «vergessen». Beide Male sollen rund 15 Waffen weggekommen sein, diese seien wohl in Spanien verkauft worden, spekuliert der Mann.

Belegen kann er die Einbrüche auch auf Nachfrage nicht, die Stadtpolizei Winterthur darf sich nicht dazu äussern. Gewisse Zweifel an der Einbruchsstory kommen darum auf. Bei einer grossen Schweizer Versicherung heisst es auf Anfrage: «Grundsätzlich besteht für Versicherungsnehmer bei Einbruchdiebstahl eine sogenannte Obliegenheit im Schadenfall, gemäss welcher unverzüglich die Polizei zu benachrichtigen ist. Ob bei einer allfälligen Verletzung dieser Obliegenheit dennoch Versicherungsleistungen erbracht werden, gilt es im Einzelfall zu prüfen.» Eine andere Versicherung bestätigt: «Es ist grundsätzlich die Pflicht des Versicherungsnehmers, den Diebstahl der Polizei zu melden.»

Angesprochen auf die anderen rund 60 Waffen, die verschwunden sind, zuckt er nur mit den Schultern. Er habe in den letzten 50 Jahren jeweils drei bis vier Waffen pro Jahr gekauft. Viele habe er getauscht, höchstens zehn davon verkauft. Nur: Gemäss Strafbefehl hat er allein am 6. November 2010 fünf Waffen gekauft und fünf Tage später nochmals drei. Insgesamt fast 100 seit 2009. Auf kritische Nachfragen reagiert er mit ausweichenden Antworten, zeigt seine Messersammlung und eine Pistole, die er in einer hölzernen Zigarrenschachtel aufbewahrt.

«Schussapparate, getarnt als Schraube»: Anleitung zum Waffenbau zu Hause

Gefunden wurden bei der Hausdurchsuchung Anfang Juni 2019 auch mehrere «Schussapparate, getarnt als Schraube» oder «getarnt als religiöse Kreuze». Was diese «Schussapparate», wie sie im Strafbefehl genannt werden, genau sind, darüber können auch Kenner der Materie nur spekulieren. «Es könnte etwas ‹Q-mässiges› sein, ähnlich wie die Spazierstöcke mit versteckter Schiessfunktion in den Bond-Filmen», sagt ein Waffenhändler. Ein anderer vermutet etwas in die Richtung von Bolzenschussgeräten. Beim Bundesamt für Polizei und der Kantonspolizei Zürich, welche die Hausdurchsuchung durchführte, verweist man auf die «verfahrensführende Behörde». Das ist die Staatsanwaltschaft Zürich, und die will nichts dazu sagen. «Um Nachahmungen zu verhindern, wird auf Ausführungen dazu verzichtet», schreibt ein Sprecher.

Der 72-jährige Mann erklärt beim Besuch hingegen begeistert, wie solche Schrauben funktionieren und gebaut werden. Die Bauanleitung habe er in einem Fachmagazin gefunden, sie liegt auch bei ihm in der Wohnung. Und ja, mit diesen Waffen könne man «problemlos» jemanden töten.

Diese illegalen Apparate soll der Mann gemäss Strafbefehl im Jahr 2004 in seinem Heimatland einem Verwandten abgekauft haben. Die «circa zehn Kreuze» für 30 Franken das Stück, die vier Schrauben waren etwas teurer. Sie kosteten 40 Euro pro Stück. Die «funktionstüchtigen Schussapparate» mit dem kleinen Kaliber 6,35 mm und .22 führte der Mann illegal in die Schweiz ein. Von den Kreuzen konnte die Polizei im Sommer 2019 noch zwei sicherstellen, von den anderen fehlt jede Spur.

Geldstrafe mit zwei Jahren Bewährung

96 verschwundene Waffen, eine Hausdurchsuchung und illegale Schussapparate. Ist der 72-Jährige aus dem Winterthurer Arbeiterquartier ein Waffenhändler? Die Frage geht an die Staatsanwaltschaft Zürich und an den Mann. «Der Beschuldigte wurde gemäss Strafbefehl verurteilt. Weitere Angaben können wir nicht machen», schreibt die Behörde. Im Strafbefehl steht, dass der Rentner wegen des Besitzes dieser «Schussapparate» und mehrerer Springmesser, des Nichtmeldens gestohlener oder verlorener Waffen und des Ausleihens von Waffen an Bekannte ohne kantonale Bewilligung verurteilt wurde. Die Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 50 Franken (9000 Franken) wurde mit einer Probezeit von zwei Jahren ausgesprochen. Der Mann muss eine Busse von 2200 Franken bezahlen und die Verfahrenskosten, 800 Franken, übernehmen.

Und der Mann selbst? «Ich sammle Waffen, das ist meine Leidenschaft», sagt er und zeigt auf die Stelle an der Wohnzimmerwand, wo das Schrotgewehr, das ihm sein Vater baute, gehangen hatte. Die Haken sind noch da. Von der Waffe ist nur noch ein staubiger Abdruck zu sehen. Auf dem Tischchen in der Stube liegt eine antike Vorderlader-Pistole, diese habe er letzte Woche im Brocki gekauft, zusammen mit einer Auszeichnung des Winterthurer Frauenlaufs 2019.

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