Letzte Ruhe

Platz für jüdische Gräber gesucht

Auf dem jüdischen Friedhof in Zürich wird es langsam eng. Die Jüdische Liberale Gemeinde Zürich hofft deshalb auf eine Kooperation mit städtischen Friedhöfen.

Matthias Scharrer
Drucken
Teilen
Anders als auf christlichen werden auf jüdischen Friedhöfen auch sehr alte Gräber nicht eingeebnet. Im Bild der Friedhof Unterer Friesenberg in Zürich.

Anders als auf christlichen werden auf jüdischen Friedhöfen auch sehr alte Gräber nicht eingeebnet. Im Bild der Friedhof Unterer Friesenberg in Zürich.

Matthias Scharrer

Es wird eng auf den jüdischen Friedhöfen in Zürich. «Das war schon immer so», sagte zwar Shella Kertész, Präsidentin der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), als das Thema kürzlich im Kantonsrat zur Sprache kam.

Der Grund: Gemäss jüdischem Brauchtum dürfen die Gräber nicht eingeebnet werden, um für eine erneute Belegung Platz zu schaffen; sie sollen Bestand haben für alle Zeiten. Doch etwas ist diesmal anders.

Bislang lösten die jüdischen Gemeinden Zürichs das Platzproblem, indem sie Land hinzukauften. So geschehen zuletzt mit der Erweiterung des Friedhofs Oberer Friesenberg im Stadtteil Wiedikon 2005. Nun verfolgt die Jüdische Liberale Gemeinde Zürich (JLG) einen neuen Ansatz: Sie hofft, auf städtischen Friedhöfen Platz zu erhalten, wie ihr Präsident Alex Dreifuss bei der Genehmigung ihres Jahresberichts im Kantonsrat gegenüber dieser Zeitung bestätigte. «Es gibt immer mehr Urnengräber auf den staatlichen Friedhöfen», so Dreifuss. Dadurch könnte Platz für jüdische Gräber frei sein.

Hohe Sicherheitskosten

Im jüngsten kantonsrätlichen Jahresbericht über die staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften kommt auch das Thema Sicherheit der Juden zur Sprache: «Die unruhige politische Weltlage mit einem nochmals erhöhten Sicherheitsrisiko in Europa zwingt die beiden jüdischen Gemeinden zu grösserer Wachsamkeit», heisst es da.

Neu übernehme die Israelitische Cultusgemeinde (ICZ) die Sicherheitsdienstleistungen für die Jüdische Liberale Gemeinde. Beide zusammen zählen knapp 3000 Mitglieder. Ein Teil ihres Sicherheitsdienstes werde von Spezialisten aus Israel abgedeckt, heisst es weiter im Bericht der kantonsrätlichen Geschäftsprüfungskommission. «Beide Gemeinden würden es begrüssen, wenn sich der Kanton und die Stadt an diesen Kosten beteiligen würden.»

Entsprechende Gespräche seien im Gang. Laut ICZ-Präsidentin Shella Kertész belaufen sich die Sicherheitskosten derzeit auf jährlich 800 000 Franken. «Wir wollen das nicht. Aber die Situation ist leider so, dass wir im Fokus von Terroristen sind», so Kertész. Auch Rechtsextreme sorgen für Ängste. So wurde die Busstation beim jüdischen Friedhof Unterer Friesenberg kürzlich mit Hakenkreuzen verschmiert. (mts)

Hohe Zahl an Urnenbestattungen

Tatsächlich liegt der Anteil der Urnenbestattungen in Zürich seit einigen Jahren bei 90 Prozent, wie Nat Bächtold, Sprecher des Stadtzürcher Präsidialdepartements, auf Anfrage sagt. Er bestätigt weiter: «Durch die Entwicklung hin zu mehr Urnenbestattungen gibt es auf den städtischen Friedhöfen Reserveflächen.»

Die hohe Zahl an Urnenbestattungen sei aber nur ein Grund dafür. Ein anderer: Die Friedhöfe seien im Hinblick auf eine «sehr viel höhere Bevölkerungszahl» angelegt worden. Die zunehmend verdichtete Stadt Zürich hat damit ein ungewohntes Luxusproblem: Es gibt mehr als genug Platz auf ihren Friedhöfen. Der Friedhof Sihlfeld, grösste letzte Ruhestätte Zürichs, dient deshalb teilweise auch als Park. Er liegt in Zürich Wiedikon, wo auch ein Grossteil der jüdischen Gemeinde Zürichs ansässig ist.

Städtische Friedhöfe halb leer

Ob ein Teil des Friedhofs künftig für jüdische Gräber reserviert wird, ist offen. Das städtische Bestattungs- und Friedhofamt sei in einem «konstruktiven Austausch mit den verschiedenen Religionsgemeinschaften in der Stadt Zürich, darunter auch mit den jüdischen Gemeinden», so Bächtold. Es fänden regelmässig Gespräche und Treffen statt.

Auch der Platzbedarf der jüdischen Friedhöfe komme dabei zur Sprache. «Das Bestattungs- und Friedhofamt der Stadt Zürich hat bei diesen Gesprächen seine Bereitschaft erklärt, eine allfällige offizielle Anfrage sorgfältig zu prüfen und nach Lösungen zu suchen», erklärt Stadtpräsidentin Corine Mauchs Sprecher weiter. Im Durchschnitt seien derzeit rund 50 Prozent der städtischen Friedhofsflächen durch Gräber belegt.

Anders sieht es bei den jüdischen Friedhöfen aus. Die beiden staatlich anerkannten jüdischen Gemeinden ICZ und JLG haben in Zürich insgesamt drei Friedhöfe: Die 1862 gegründete ICZ unterhält die Friedhöfe Unterer und Oberer Friesenberg.

Erster wurde 1866 eröffnet, nur wenige Jahre, nachdem die Juden in der Schweiz die Niederlassungsfreiheit erhielten. Bis in die 1950er-Jahre wurde auf ihm beerdigt. Seit den 1950er-Jahren finden auf dem Oberen Friesenberg jüdische Abdankungen und Beerdigungen statt. ICZ-Präsidentin Kertész schätzt, dass der Platz auf dem Oberen Friesenberg noch für zehn bis fünfzehn Jahre reichen dürfte.

Dann werde die ICZ sich mit der Stadt Zürich in Verbindung setzen, «um alle Möglichkeiten für die Zukunft auszuloten», so Kertész. Sie hält aber fest: «Das Thema von jüdischen Gräbern auf öffentlichen Friedhöfen stand und steht für die ICZ bisher nicht zur Diskussion» – anders als bei der Jüdischen Liberalen Gemeinde.

Die JLG hat ihren Friedhof in Zürich Albisrieden; unweit davon befindet sich der für jüdisch-orthodoxe Einwanderer aus Osteuropa bestimmte Friedhof Agudas Achim. Ferner fanden auf dem jüdischen Friedhof Steinkluppe in Zürich Oerlikon bis 1936 Begräbnisse statt. Da auf jüdischen Friedhöfen die Gräber nie aufgehoben werden, verwittern die Grabmäler seither.