Zürichsee

Die letzte Seegfrörni von 1963 – ein Volksfest mit Völkerwanderungen

Wer sie erlebt hat, vergisst sie wohl nie: Dank durchgehend kalter Temperaturen kam es im Winter 1962/63 zur letzten Seegfrörni auf dem Zürichsee – es war ein wochenlanges Volksfest.

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Im Winter 1963 fror der Zürichsee das letzte Mal zu, so dass die Eisdecke für die Bevölkerung begehbar wurde.
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Ab dem 22. Januar 1963 waren die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft und der Fährbetrieb Horgen-Meilen gezwungen, ihre Fahrten einzustellen.
Am 24. Januar 1963 war der Zürichsee von Schmerikon am Obersee bis Zürich durchgehend zugefroren.
Vierzig Tage lang verharrte das Thermometer in Zürich unter dem Gefrierpunkt und bescherte den Zürchern die «Seegfrörni».
Während kleinere, flache Seen im Winter gerne einmal zufrieren, ist das bei grösseren Seen wie dem Zürichsee ein seltenes Naturschauspiel.
Einige Schweizer Seen, wie etwa der Brienzersee oder der Urnersee, sind in historischer Zeit noch nie zugefroren.

Im Winter 1963 fror der Zürichsee das letzte Mal zu, so dass die Eisdecke für die Bevölkerung begehbar wurde.

Keystone

Seit ein paar Tagen hüllt Väterchen Frost die Nordwestschweiz in eisige Temperaturen – und es wird noch kälter. Gemäss Meteoschweiz schlottern wir die nächsten Tage bei einer Kälte von -3 bis zu -9 Grad. Wer jedoch bereits von Schlittschuhspass auf zugefrorenen Seen träumt, dürfte sich zu früh freuen. Das aktuelle Eisbulletin der Kantonspolizei Zürich führt alle Gewässer im Kanton als gesperrt auf. Ganz anders sah dies das letzte Mal im Winter 1962/1963 aus, als frostige Temperaturen selbst den Zürichsee komplett zufrieren liessen.

Damals begann die Kälteperiode bereits Mitte November und sorgte mit einer eisigen Brise und wochenlangen Minustemperaturen dafür, dass der See ab Dezember Stück für Stück ein wenig mehr vereiste.

Am 25. Januar musste der Schifffahrtsbetrieb komplett eingestellt werden – und die Hoffnung der Bevölkerung wurde am 30. Januar schliesslich erfüllt, als ein Glaziologe der ETH im Auftrag der Wasserpolizei die Eisdicke mass und grünes Licht gab: An den fünf Messstellen erreichte das Eis gemäss einem Bericht der Zürcher Stadtpolizei eine Dicke von bis zu 13,5 Zentimetern.

Auf dem Zürichsee während der Seegfrörni Februar 1963
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Am 25. Februar 1963 fand eine Fahnenübergabe auf dem Eis vor Thalwil statt - organisiert von Gemeindepolizist Paul Stoffel.
Ein Eissegler auf dem zugefrorenen Zürichsee bei Zürich während der Seegfrörni
Seepolizist Anton Schnetzer war täglich auf dem Eis im Einsatz
Seegfrörni
Dieter Kummer (rechts) spielte häufig vor seinem Elternhaus auf dem Eis und brach auch mal ein. In der Nähe der Holzpfosten rettete er ein vierjähriges Mädchen.
Margrit Hiltebrand spazierte mit ihrer Familie von Erlenbach nach Thalwil.
Ein Schiff der Zürcher Schifffahrtsgesellschaft hinterlässt eine Schneise im Eis des zugefrorenen Zürichsees am Ende der Seegfrörni
Seegfrörni 1963
Volkfest auf dem Eis: Im Februar 1963 strömten an manchen Tagen bis zu 150000 Menschen auf den zugefrorenen Zürichsee.
Menschen auf dem zugefrorenen Zürichsee während der Seegfrörni

Auf dem Zürichsee während der Seegfrörni Februar 1963

Keystone

Völkerwanderungen von einem Ufer ans andere

Am 1. Feburar mittags um 12 Uhr wurden die Absperrungen rund ums Seebecken entfernt und die aufgeregt wartende Menge strömte auf die riesige Natureisbahn. Während Wochen wurde hier spaziert, gespielt und Schlittschuh gefahren, das Naturschauspiel geriet zum gesellschaftlichen Ereignis und verwandelte sich in ein fröhliches Volksfest: Imbissbuden wurden auf das Eis geschleppt, Kufensegler flitzten über den See und ganze Völkerwanderungen zogen von einem Ufer ans andere.

Das Seegfrörni-Spektakel endete schliesslich am 8. März, nachdem der Wetter allmählich milder geworden und die oberste Eisschicht wieder aufgeweicht war. An diesem Tag wurde das Zürichsee-Eis für die Bevölkerung gesperrt, und der Zürcher Traum von einer riesigen Natureisbahn sollte bis heute unerfüllt bleiben. (sam)

Wann gibt es eine Seegfrörni?

Für eine begehbare Eisfläche von mindestens 12 Zentimetern Dicke braucht es auf dem Zürichsee gemäss SRF eine Kältesumme von 350. Diese ergibt sich aus den kumulierten Beträgen negativer Tagesmitteltemperaturen. Das verlangt mittlere Temperaturen von -10 Grad während mindestens 35 Tagen. Der legendäre Winter 1962/1963 erreichte gar eine Kältesumme von 500.