Grundrecht

Der Pikett-Anwalt kommt innert 60 Minuten

Schon vor der ersten Einvernahme darf jeder einen Anwalt verlangen – ein Grundrecht, das nicht alle kennen. Idealerweise sollte die Polizei oder die Staatsanwaltschaft Betroffene auf das Angebot eines Pikett-Anwalts aufmerksam machen.

Lina Giusto
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Beschuldigte Personen haben bereits vor der ersten Einvernahme das Recht, einen Anwalt beizuziehen. Keystone/CHRISTIAN BEUTLER

Beschuldigte Personen haben bereits vor der ersten Einvernahme das Recht, einen Anwalt beizuziehen. Keystone/CHRISTIAN BEUTLER

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«Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann als Beweismittel verwendet werden. Sie haben das Recht, einen Rechtsanwalt beizuziehen.» Mit diesen oder ähnlichen Worten werden Beschuldigte oder Verhaftete in der Schweiz von der Polizei über ihre Rechte belehrt.

Was nun aber viele nicht wissen: Im Kanton Zürich gibt es den Verein Pikett Strafverteidigung. Und wie der Name sagt, ist dieser Dienst während 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr erreichbar. Tanja Knodel, Rechtsanwältin und Präsidentin von Pikett Strafverteidigung, sagt: «Innerhalb einer Stunde nach Anruf steht den Betroffenen ein Strafverteidiger zur Seite.»

Der Pikett-Dienst wird über ein computergesteuertes System zugewiesen. Jeweils fünf Anwälte sind pro Tag zum Pikett eingetragen. Bei einem Anruf auf der Hotline des Vereins wählt das Computersystem einen der Anwälte aus und verbindet diesen direkt mit dem Anrufer.

Der Anwalt ist ein Grundrecht

Im Kanton Zürich werden jährlich über 100 000 Strafverfahren eingeleitet. Dabei werden über 10 000 Personen von der Polizei verhaftet, die kurzfristig eine Rechtsvertretung brauchen. Der Verein will mit diesem Dienst das Grundrecht eines jeden auf Rechtsvertretung sicherstellen.

«Jede Person hat ab dem ersten polizeilichen Kontakt Anrecht auf einen Anwalt», sagt Knodel. Manchmal gehe es bei den Anrufen auch um eine Erstberatung. Wenn aber ein Mandat zustande komme, dann bezahle man für den Anwalt das gewöhnliche Honorar.

Die Bevölkerung aufklären

Da der Verein und sein Pikett-Dienst im Kanton Zürich noch nicht weitflächig bekannt sind, versuchen sie nun, mit Flyern und Broschüren ihre Wahrnehmung zu stärken. Knodel sagt: «Idealerweise macht die Polizei oder die Staatsanwaltschaft Betroffene auf unseren Verein und das Angebot eines Pikett-Anwaltes aufmerksam.»

Denn zum einen sei die Rechtslage in der Schweiz komplex. Zum anderen würden sich Personen in Polizeigewahrsam in einer nicht alltäglichen Situation befinden.

Damit der Verein besser wahrgenommen wird, hat er auch seinen Internetauftritt überarbeitet. «Wir haben ein Logo entwickelt, das zwei Personen zeigt, um den Rechtsbeistand symbolisch darzustellen. Die Broschüre wurde gestaltet, um eine bessere Wahrnehmung zu erreichen, weil der Pikett-Dienst noch nicht weitläufig bekannt ist. Auch weil wir den Eindruck haben, dass vereinzelt von Seiten der Polizei und der Staatsanwaltschaft zu wenig auf diesen Dienst aufmerksam gemacht wird», so Knodel.

Und das Interesse in der Bevölkerung besteht offenbar, denn derzeit sind bereits 2000 Exemplare der Flyer und Broschüren von Pikett Strafverteidigung im Umlauf. Aber nicht nur die Bevölkerung gehört zur Zielgruppe des Vereins. Die Informationsmittel sind genauso für die Polizei und Staatsanwaltschaft gedacht. Sie sollen ihnen bei der Kommunikation mit verhafteten und beschuldigten Personen helfen.

Das Angebot des Vereins ist alles andere als neu. Tatsächlich existiert er schon sehr lange. Über die Jahre hinweg ist sein Wirkungsfeld zusammen mit der Entwicklung der Schweizerischen Gesetzeslage immer weiter fortgeschritten.

Als 2011 dann die schweizerische Strafprozessordnung in Kraft trat, wurde auch der Anwalt der ersten Stunde eingeführt. Damit haben beschuldigte Personen bereits vor der ersten polizeilichen Einvernahme das Recht, einen Anwalt zu beziehen. So wird die Gefahr, dass die Beschuldigten Aussagen machen, die für sie später zum Nachteil werden können, verringert.

Mittlerweile begleiten 350 Anwälte aus dem Grossraum Zürich den Verein als Strafverteidiger. Dieser steht unter dem Patronat des Zürcher Anwaltsverbandes sowie der Demokratischen Juristinnen und Juristen Zürich.