Abstimmungskampf
«Das Cabaret Voltaire ist der Eiffelturm von Zürich»: Markus Notter im Interview

Markus Notter über Dada heute und den damit verbundenen Deal.

Matthias Scharrer
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Markus Notter: «Ich verstehe Dada als Antwort auf die Verrücktheit der Welt.»

Markus Notter: «Ich verstehe Dada als Antwort auf die Verrücktheit der Welt.»

Severin Bigler

Herr Notter, Sie engagieren sich seit Jahren für das Cabaret Voltaire, jetzt auch im Abstimmungskampf. Was sind Ihre persönlichen Beweggründe dafür?

Markus Notter: Ich habe mich vor Jahren dazu bereit erklärt, im Verein mitzuwirken, der das 100-Jahr-Jubiläum des Cabarets Voltaire 2016 mitorganisierte. Das gab mir Einblick in verschiedene Facetten der Kunstbewegung Dada – auch in die Aktualität, die sie zum Teil heute noch hat. Ich war schon immer interessiert an geschichtlichen Fragen. Die Dada-Bewegung hatte ihren Anfang 1916 in einer Welt, die verrückt geworden ist, in der es den Ersten Weltkrieg gab, ein Gemetzel, bei dem Hunderttausende von jungen Leuten auf die Schlachtfelder geführt und mit neuen Waffentechnologien getötet wurden. Das war ein Zusammenbruch der bürgerlichen kulturellen Werte. Die Antwort der Dada-Bewegung darauf hat mich schon lange sehr interessiert.

Also schon bevor Sie den Dada-Jubiläumsverein präsidierten?

Ja. Man kann das 20. Jahrhundert ohne den Ersten Weltkrieg nicht verstehen, der wiederum ein Grund für den Zweiten Weltkrieg war, in dem dann nochmals und in viel extremeren Masse Werte, die bis dahin galten, zerstört wurden. Dada ist ein Schrei gegen die Unmenschlichkeit und die Vernichtung nicht nur ganzer Bevölkerungsgruppen, sondern auch zentraler Werte. Das hat heute noch grosse Bedeutung.

Zur Person: Markus Notter

Markus Notter (57) präsidiert das Abstimmungskomitee, das sich für ein Ja zum Liegenschaftstausch einsetzt, der die Zukunft des Cabarets Voltaire sichern soll. Der Dietiker SP-Politiker war von 1996 bis 2011 Regierungsrat des Kantons Zürich und zuvor Stadtpräsident von Dietikon.

Inwiefern?

Die Erkenntnis, dass Regierungen und in Abstimmungen auch Bevölkerungen völlig abspacen können, dass die Welt verrückt ist, müssen wir ins 21. Jahrhundert mitnehmen — und versuchen, einen Beitrag zu leisten, damit die Vernunft einigermassen Oberwasser haben kann.

Also Dada als Stimme der Vernunft in einer durchgeknallten Politwelt?

Dada als ein Schrei gegen die Unvernunft, der sich zum Teil auch unvernünftiger, klamaukhafter Methoden bedient hat. Ich verstehe Dada als Antwort auf die Verrücktheit der Welt. Das hat sich nicht geändert. Die Unverständlichkeit der politischen Entwicklung, die Rückkehr zu nationalistischen Bewegungen – das ist eine Gemengelage, die einen auch heute verunsichert. Zu schauen, wie die Kulturwelt 1916 darauf reagiert hat, finde ich heilsam und aufschlussreich. In diesem Sinne verstehe ich Dada in einer historischen Dimension.

Am 24. September stimmt die Stadt Zürich darüber ab, ob sie die Dada-Geburtsstätte Cabaret Voltaire durch einen Liegenschaftentausch übernehmen soll. Welche Bedeutung hat das Cabaret Voltaire für Zürich?

Das wird in Zürich unterschätzt. Das habe ich im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr gemerkt. Zürich wird international stark mit Dada identifiziert. Es gab 2016 kein anderes Thema, das die Stadt derart in die internationalen Medien gebracht hat. Ein Franzose sagte mir: Das ist der Eiffelturm von Zürich. Im ersten Moment stutzte ich. Doch es ist so. Und es käme nirgends auf der Welt jemandem in den Sinn, zu sagen: Es ist uns egal, was aus so einem Ort wird, da kann auch eine Apotheke oder irgendein Kleiderladen sein. Eine derartige Ignoranz gegenüber der kulturellen Geschichte dieser Stadt würde ich nicht verstehen.

Droht diese Gefahr bei einem Nein am 24. September?

Die Stadt hätte es dann nicht in der Hand, was in Zukunft aus dem Cabaret Voltaire wird. Man müsste in ein paar Jahren einen neuen Mietvertrag aushandeln mit einem Partner, der anders funktioniert. Die Anlagestiftung Swiss Life ist ein kommerzielles Unternehmen, das Rendite erzielen muss. Da spielen kulturpolitische Kriterien zurecht keine Rolle. Es ist doof, diesem Unternehmen vorzuwerfen, dass es sich nicht kulturpolitisch verhält. Aber es ist noch dümmer, die Liegenschaft, in der sich das Cabaret Voltaire befindet, nicht ins Eigentum der Stadt zu übernehmen.

 Spiegelgasse 1: Unten drin ist das Cabaret Voltaire.

Spiegelgasse 1: Unten drin ist das Cabaret Voltaire.

Severin Bigler

Um dies zu ermöglichen, wurde ein Liegenschaftentausch zwischen der Stadt Zürich und der Anlagestiftung Swiss Life eingefädelt. Ist das für die Stadt ein gutes Geschäft?

Wenn es ein möglichst wertgleicher Tausch ist, ist das okay. Die Anlagestiftung Swiss Life wollte das Haus einfach nicht verkaufen; sie wollte kein Bargeld, sondern Liegenschaften. Die Opposition gegen den Tausch ist skurril, denn wenn die Stadt das Haus an der Spiegelgasse 1 mit dem Cabaret Voltaire gekauft hätte, hätte die Anlagestiftung Swiss Life mit dem Geld auch wieder Immobilien gekauft, um Rendite zu erzielen, Stichwort Gentrifizierung. Jetzt gibt es einen Liegenschaftentausch, bei dem beide Seiten je zwei Liegenschaften geben und bekommen. Das ist doch völlig okay!

Die AL kritisiert, dass die Stadt Zürich ein Parkhaus im Seefeld abgibt und dadurch die sogenannte Seefeldisierung vorantreibt, also die starke Verteuerung des Quartiers.

Wie gesagt: Wenn die Stadt der Swiss Life statt Liegenschaften Geld gäbe, könnte diese die sogenannte Seefeldisierung damit allenfalls auch vorantreiben.

Gibt die Stadt mit dem Parkhausareal nicht etwas aus der Hand, das man gescheiter nutzen könnte, etwa für den Bau günstiger Wohnungen?

Das ist schon in den letzten 20 Jahren nicht geschehen. Man hätte dabei grosse Abschreibungen machen müssen, weil das Parkhaus eine sehr defizitäre Angelegenheit ist. Es ist mir unverständlich, warum es jetzt im Zusammenhang mit diesem Liegenschaftentausch plötzlich heisst, das sei ein super Areal. In den letzten 20 Jahren hat nie jemand von diesem Areal geredet.

Zurück zum Cabaret Voltaire: Welche Rolle soll es in Zukunft spielen? Auch bei einem Ja am 24. September wird es ja immer noch relativ knapp alimentiert sein ...

Bei einem Ja kostet das Cabaret Voltaire die Stadt Zürich künftig nicht mehr pro Jahr als heute, hat neu aber immerhin für die kulturelle Arbeit einen namhaften städtischen Beitrag – und kann deshalb vermehrt auf weitere Geldquellen hoffen. Dann wird es zu einem Ort von kulturellem Leben, das einiges dichter als heute ist. Das wäre nur erfreulich.

24. September: Stadtzürcher entscheiden übers Cabaret Voltaire

Am 24. September entscheiden die Stadtzürcher Stimmberechtigten über die Zukunft des Cabarets Voltaire, Geburtsstätte des Dadaismus. Das Haus an der Spiegelgasse 1 im Niederdorf, wo sich das Cabaret Voltaire befindet, soll laut einem Gemeinderatsbeschluss ins Eigentum der Stadt übergehen. Die Stadt könnte so die Miete senken und mit dem eingesparten Betrag dem Cabaret Voltaire neu einen jährlichen Betriebsbeitrag von 101 000 Franken leisten. Wegen des damit verbundenen Liegenschaftentauschs hat die AL das Referendum ergriffen.

Heute gehört das Cabaret-Voltaire-Haus der Anlagestiftung Swiss Life. Diese überliesse es zusammen mit einem Wohnhaus im Quartier Enge der Stadt und erhielte dafür ein Geschäftshaus an der Rämistrasse und ein Parkhaus im Seefeld. Damit der Tauschwert beiderseits bei 16 Millionen Franken läge, würde die Stadt der Swiss Life noch eine halbe Million draufzahlen. (mts)