Literaturpreis
Autorin Annette Hug: «Konflikte faszinieren mich»

Die Zürcher Autorin erhielt für ihren Roman «Wilhelm Tell in Manila» den Schweizer Literaturpreis 2017 – dabei hatte sie kein politisches Interesse am Nationalhelden

Lina Giusto
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Die Schriftstellerin Annette Hug will in ihrer Literatur nicht politisieren.

Die Schriftstellerin Annette Hug will in ihrer Literatur nicht politisieren.

Sandra Ardizzone

Annette Hug faltet die Zeitung zusammen, die sie gerade noch las. Und schüttelt den Kopf. Ihre braunen, schulterlangen Haare bewegen sich im Takt dazu. Hug wundert sich leicht genervt über einen gerade gelesenen Artikel. «Das Gute am Reisen ist, dass man nach seiner Rückkehr merkt, dass es Schlimmeres gibt, als so etwas.» Schon wieder etwas zufriedener, lächelt sie und deutet dabei auf die Zeitung.

Annette Hug verbrachte die vergangenen sechs Wochen auf den Philippinen und in Hong Kong. Beide Orte stehen für ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und die Zukunft. Kürzlich erhielt die Zürcherin den diesjährigen Schweizer Literaturpreis für ihren Roman «Wilhelm Tell in Manila». In ihrem preisgekrönten Werk macht sich Hug auf die Spuren des philippinischen Nationalhelden José Rizal, der Schillers «Wilhelm Tell» in seine Muttersprache Tagalog übersetzte. Im Roman widerspiegelt sich Hugs Faszination für aufständische Bewegungen und den politischen Aktivismus.

Das ist wenig überraschend in Anbetracht des Werdegangs der 46-jährigen Autorin, über die bislang wenig bekannt ist. Sie ist verheiratet und lebt in Zürich. Dort arbeitet sie auch. Sie hat als Gewerkschaftssekretärin des schweizerischen Verbandes des Personals öffentlicher Dienste sowie als Dozentin und Journalistin gearbeitet. Den preisgekrönten Roman verfasste sie über sechs Jahre hinweg in ihrer Freizeit. Seit zwei Jahren lebt sie als Freischaffende. Möglich sei das aber nur, weil sie einen Werkbeitrag des Kantons Zürich erhalten habe.

Prägende Zeiten in Manila

Während der Arbeit an ihrem jüngsten Roman reiste Hug drei Mal nach Manila. Zwei Mal für lediglich ein paar Wochen, ein Mal für ganze drei Monate. Bei ihrem letzten Aufenthalt hatte sie an ihrem ehemaligen College der philippinischen Universität einen Lehrauftrag. Ihre Studienzeit anfang der 90er-Jahre in Manila gehört zu den prägendsten Zeiten ihres Lebens, wie Hug sagt. Sie studierte auf der asiatischen Inselgruppe Geschichte und Women and Development Studies. «In den 90er-Jahren gab es am Historischen Seminar der Universität Zürich nur männliche Professoren», sagt Hug. Mit der Gruppe Feministisches Tutorat und der Frauenliste Amazora setzte sich Hug damals für mehr weibliche Professoren ein. «Das war ziemlich harzig», sagt sie. Über eine Konferenz der Friedensbewegung kam Hug dann zum ersten Mal nach Manila. Bei dieser Reise stiess die Schriftstellerin auf den besagten Lehrgang. «Auf den Philippinen gab es bereits eine starke Frauenbewegung», sagt sie. Verglichen zur Schweiz sei diese militanter. Das habe mit der Geschichte der Philippinen, den grossen Unterschieden zwischen arm und reich und dem hohen Anteil an Korruption zu tun.

Hug faszinieren Konflikte. Wenn ihr Interesse geweckt ist, dann richtet sich ihre sonst schon gerade Körperhaltung noch ein wenig mehr auf. Ihr Blick ist dabei stets wach und aufmerksam auf ihr Gegenüber gerichtet. Die Rolle der Frauen beschäftigt Hug. Als Beispiele nennt sie die Prostitutions-Städte um die amerikanischen Militärbasen auf den Philippinen, die 1992 noch bestanden, und Vergewaltigungen im Jugoslawien-Krieg. «Deshalb fand ich eine Politik von Frauen für Frauen notwendig», so Hug.

Nach ihrer Rückkehr aus Manila war sie in der Gruppierung «Frauenrat für Aussenpolitik» aktiv. Dabei ging es um den Austausch mit internationalen Frauenbewegungen und die Auszahlung von Geldern aus der Marcos-Diktatur an die philippinische Regierung. Jenes Geld, das 1986 auf Schweizer Banken eingefroren wurde. Obwohl sie nach dem Studium fast 18 Jahre lang nicht mehr auf den Philippinen war, haben sie die politischen Geschehnisse dort nie losgelassen.

Annette Hug ist umtriebig im Gespräch. Erzählt fliessend, wenn sie etwas beschäftigt. Stellt interessiert Fragen, wenn sie etwas verstehen will. Ihre Formulierungen sind klar. Ihre Wortwahl überlässt sie nicht dem Zufall.

Angesprochen auf ihren politischen Aktivismus, wehrt sie die Bezeichnung der Revoluzzerin sachte, dennoch bestimmt ab. «Im philippinischen Kontext würde dies für den bewaffneten Widerstand stehen.» Und dahinter stehe sie nicht. Nachdem die bewegte Jugend der 1980er-Unruhen gefordert hatten: «Macht aus dem Staat Gurkensalat», habe ihre Generation im Jugoslawien-Krieg erlebt, dass auf die Zerschlagung eines Staates etwas noch viel Schlimmeres folgen könne. Obwohl sie durchaus noch andere Visionen hätte, setzt sie sich heute dafür ein, den Rechtsstaat und die demokratischen Grundsätze zu bewahren. Vor allem, um sie vor Angriffen aus dem rechten Lager zu schützen, wie sie selber sagt. «Feministische Themen interessierten mich immer, aber nach dem Studium standen sie nicht mehr an oberster Stelle», sagt Hug. Dafür gehörten politische Konflikte zu ihrem Alltag als Gewerkschaftssekretärin. Sie begebe sich noch immer gerne in Konfliktsituationen, verspüre eine gewisse Faszination dabei.

Eintauchen und geniessen

Dennoch will sie in ihrer Literatur nicht politisieren. Deshalb wählte sie die Form des Romans. So erlaubte sie sich, Situationen und Gespräche, die der philippinische Nationalheld José Rizal während seiner Übersetzung führte, zu erfinden. Und gerade diesen Teil des Schreibens genoss sie. «Das Schreiben des Romans war eine sprachliche Erfrischungskur.» In der Literatur könne sie grundsätzlicheren Fragen nachgehen. Fragen nach Gesetzen, Fragen nach Ereignissen, Fragen nach den Grundmustern verschiedener Sprachen. Dabei erhole sie sich von politischen Phrasen und Klischees. «Versuchte ich, in meiner Literatur zu politisieren, würde der Text schlecht», sagt Hug.

Diese Selbsteinschätzung überrascht. Ebenso die Wahl der beiden Nationalhelden als Thema ihres Romans. Dazu sagt die Zürcherin: «Rizal hat mich mehr als Schriftsteller denn als Revolutionär interessiert.» Und sie gibt zu, dass sich einige Bekannte aus ihrem Umfeld anfänglich über ihre Themenwahl gewundert hätten. Mit Rizals Übersetzung des Schillerschen Tells konnte sie in eine Geschichte eintauchen, die sie zu kennen glaubte. Doch durch diesen Schriftsteller aus einem fernen Land, der eine so andere Sprache verwendet, erlebte Hug die Erzählung Tells aus einem neuen Blickwinkel. Während Hug all das erzählt, zeichnen ihre Hände auf dem Tisch das Interesse an der Übersetzung, an der Sprache und ihren Verästelungen nach. Ihr Blick liegt zum ersten Mal auf den Händen. So als wäre sie noch einmal in ihren Schreibprozess eingetaucht.

Wenn Hug vom Schreiben Abstand braucht, erholt sie sich beim Klavier oder Orgel spielen – oder pflegt ihren Garten. Manchmal bleibe auch das Handy zwei Tage lang ausgeschaltet. Gerade dann, wenn sie an ihrem neuen Roman schreibt. Deshalb war sie kürzlich in Hong Kong. Worum es geht, kann sie aber noch nicht verraten.

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