Archäologie
Eine neue Publikation zeigt: Zürich war wohl schon zu Römerzeiten eine wohlhabende Hafenstadt

Forschungen liefern neue Erkenntnisse über das antike Zürich. Einige Funde deuten auf den Reichtum der Bewohner zu Römerzeiten hin. Allerdings lassen sie einige Rätsel weiter offen.

Michel Wenzler
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Die Illustration zeigt die Rekonstruktion des Kastells auf dem Lindenhof direkt neben der Limmat. Es hatte sechs oder sieben Türme.

Die Illustration zeigt die Rekonstruktion des Kastells auf dem Lindenhof direkt neben der Limmat. Es hatte sechs oder sieben Türme.

zVg/Kantonsarchäologie

Das Wissen, wie die Stadt Zürich zur Römerzeit hiess, verdanken wir einem Einjährigen: 1747 wurde auf dem Lindenhof sein Grabstein aus dem Ende des zweiten oder beginnenden dritten Jahrhunderts nach Christus gefunden.

Lucius Aelius Urbicus war kurz nach seinem ersten Lebensjahr verstorben, auf der Inschrift des Steins betrauern die Eltern seinen Tod. Als Vater wird ein gewisser Unio genannt, Vorsteher der «Statio Turicensis». Seither ist klar: Zürich hiess zur Zeit der römischen Siedlung Turicum.

Von verstreuten Funden zum Gesamtbild

Der Grabstein zählt zu den frühesten Funden aus der Römerzeit. Systematische Grabungen begannen erst im 20. Jahrhundert, über 200 sind es bis heute. Sie haben zahlreiche Mosaiksteinchen und Hinweise über die damalige Zeit geliefert.

Eine neue Publikation der Kantonsarchäologie fügt diese nun zu einem Gesamtbild zusammen. Autorin und Archäologin Annina Wyss Schildknecht vereint darin bereits Bekanntes und Neues über Turicum. Im Buch skizziert sie das Siedlungsbild einer römischen Kleinstadt, die eine gewisse Bedeutung für den Handel erlangte.

Den ersten Hinweis auf den Stellenwert der Stadt lieferte bereits der erwähnte Grabstein: Vater Unio wird auf diesem als Vorsteher des Zürcher Postens des gallischen Zollbezirks bezeichnet. Der Handel über die römische Siedlung in Zürich wurde also damals staatlich kontrolliert.

Entstanden war die Kleinstadt ab Mitte des ersten Jahrhunderts auf dem Lindenhof, also dort, wo sich früher auch die Kelten niedergelassen hatten. Mit der Zeit dehnte sie sich zur Limmat aus. Später wuchs sie sogar darüber hinaus, vermutlich verband eine Brücke die beiden Stadtteile.

Eine wichtige Station für den Handel

Gut 200 Jahre dauerte die Blütezeit der Stadt. Der Ort war eine wichtige Etappe auf der Nord-Süd-Verbindung. Die römische Zollstation lag auf dem Wasserweg vom Rhein über die Aare, die Limmat, den Zürichsee bis hinauf zum Walensee. Von dort aus verlief die Handelsroute weiter nach Chur und über die Bündner Alpenpässe in den italienischen Raum.

Mit grosser Sicherheit hatte Turicum deshalb auch einen ­Hafen. Bloss: Wo befand er sich? Eindeutige archäologische Nachweise, zum Beispiel Quaimauern, gibt es nicht. Beim Weinplatz und der Storchengasse liess sich aber eine Verfestigung aus Stein nachweisen, in denen Pfosten und Balken eingelassen waren. Möglicherweise dienten sie dem Festbinden von Schiffen.

Später wurde der Hafen womöglich ans Seeufer südlich des St.-Peter-Hügels verlegt. Hier dokumentiert die Archäologin zumindest eine Strasse mit Wagenspuren, die auf den Warentransport zum Wasser hinweist.

Mit fliessendem Wasser und einer geregelten Abfallentsorgung

Überhaupt verfügte Turicum über ein gutes Strassennetz, wie die Autorin nachweist. Für das tägliche Leben bot die Stadt ihren Bewohnern zudem alle Annehmlichkeiten. Ein Laufbrunnen auf dem Lindenhof zeugt von einem gewissen Reichtum der Bewohner. Längst nicht jeder hatte damals fliessendes Wasser.

Kunstvoll fabrizierte Fingerringe und Armreifen wurden in der Oetenbachgasse entdeckt.

Kunstvoll fabrizierte Fingerringe und Armreifen wurden in der Oetenbachgasse entdeckt.

zVg

Am Fuss des Hügels befanden sich Thermen und ein Kultbau. Zu den zahlreichen Fundstücken in der Stadt zählt auch eine Jupitergigantensäule sowie Überreste von reich bemalten Wänden. Auf einer befanden sich sogar Graffiti. Mehrmals taucht dort der Name Lucianus auf, und eine Malerei zeigt einen Hahnenkampf. Wer dieser Lucianus wohl war?

Goldschmuck – Armreifen in Schlangenform und Fingerringe – sowie Münzen und Becher sind ebenfalls erhalten. Erwähnenswert, weil für Archäologen oft eine Goldgrube, ist zudem eine Deponie von Siedlungsabfällen. Sie lässt den Schluss zu, dass es in der Kleinstadt eine geregelte Abfallentsorgung gab.

Die Bevölkerung igelte sich im Kastell ein

Es wäre übertrieben zu sagen, dass die Stadt ebenfalls irgendwann auf dem Komposthaufen der Geschichte landete. Aber ab dem dritten Jahrhundert ging es mit ihr abwärts. Es gibt in der ­römischen Stadt Spuren der ­Zerstörung, insbesondere von Bränden. Was geschah, ist unklar. Denn der Niedergang setzte einige Jahrzehnte ein, bevor die Alamanneneinfälle um 270 in die römischen Provinzen begannen.

Die Stadt schrumpfte. Die Bevölkerung zog sich auf den Lindenhofhügel zurück, wo sie sich gegen Feinde besser verteidigen konnte. Dort entstand im ausgehenden dritten und im vierten Jahrhundert ein spät­römisches Kastell. Und hier schliesst sich der Kreis zu Lucius Aelius Urbicus: Sein Grabstein, der ursprünglich wohl anderswo stand, wurde im Kastell verbaut, bis er knapp 1500 Jahre später wieder gefunden wurde.

Die Publikation

Annina Wyss Schildknecht: Die mittel- und spätkaiserzeitliche Kleinstadt Zürich/Turicum. Eine Hafenstadt und Zollstation zwischen Alpen und Rheinprovinzen. 2020.