Bezirksgericht Meilen
Altersheim-Angestellte nimmt Seniorinnen aus – und erzählt vor Gericht eine abenteuerliche Geschichte

Das Bezirksgericht Meilen nimmt einer 51-jährigen Pflegeassistentin eine abenteuerliche Story nicht ab. Diese wird, weil sie Seniorinnen um viel Geld gebracht hat, zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 14 Monaten verurteilt. Auf sie kommen zudem hohe Verfahrenskosten zu.

Pascal Jäggi
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Den Behörden tischte die Beschuldigte, die heute in einem anderen Alterszentrum arbeitet, eine abenteuerliche Geschichte auf.

Den Behörden tischte die Beschuldigte, die heute in einem anderen Alterszentrum arbeitet, eine abenteuerliche Geschichte auf.

David Egger

Eine 51-jährige Pflegeassistentin hat zwei Bewohnerinnen eines Alterszentrums um gut 27'000 Franken gebracht – als sie noch angestellt war. Abstreiten kann sie das nicht, die Beweise sind zahlreich, dass sie die gestohlenen Bankkarten benutzt hat. Doch sie will nicht dafür verantwortlich sein.

Den Behörden tischte die Beschuldigte, die heute in einem anderen Alterszentrum arbeitet, eine abenteuerliche Geschichte auf. Sie sei von vier Personen entführt worden und mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht worden, erzählte sie fünf Monate nachdem sie zum ersten Mal befragt worden war. Vor Gericht wiederholt sie unter Tränen diese Geschichte. Nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach sei sie im fraglichen Zeitraum, einem halben Jahr, entführt worden. Sie habe im Alterszentrum zwei Frauen erwischt, welche die Karten gestohlen hätten. Danach hätten diese und zwei Männer sie durch Drohungen und Drogen dazu gebracht, das Geld abzuheben.

Die Staatsanwaltschaft nimmt ihr das nicht ab und hat sie kurzerhand auch wegen Irreführung der Rechtspflege angeklagt. Das unerlaubte Geldabheben mit den gestohlenen Karten gilt rechtlich als betrügerischer Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage. Angesichts der 40 Bezüge und der beträchtlichen Summe stuft die Staatsanwaltschaft den Missbrauch gar als gewerbsmässig ein.

14 Monate und Geldstrafe

Das Bezirksgericht Meilen verurteilt die Frau zu 14 Monaten und einer Geldstrafe von 120 mal 100 Franken. Beides wird mit einer Probezeit von zwei Jahren belegt. Für die Beschuldigte wird es teuer: Sie muss 19'000 Franken Schadenersatz an die Erbengemeinschaft des ersten Opfers zahlen sowie 6972.50 Franken an das zweite Opfer. 11'530 Franken und 900 Euro, die bei ihr beschlagnahmt wurden, sollen zur Deckung der Verfahrenskosten genutzt werden, die mehr als doppelt so hoch sind.

Die Geschichte sei erfunden, sagt der vorsitzende Richter. Es sei erstaunlich, dass die Entführer mit der Prozedur, die ein halbes Jahr gedauert habe, ein Risiko eingegangen wären, verhaftet zu werden, statt direkt die Konten zu leeren. Ihre Aussagen seien voller Widersprüche. Ihr Umfeld habe keine Veränderung festgestellt, trotz der angeblichen Tortur. Sie sagt, sie habe psychisch gelitten und sei verletzt worden. Es verwundere, dass am Arbeitsort niemand etwas gemerkt hat. Selbst der Neffe, der bei ihr wohnt, hat nichts mitgekriegt. Erst als sie verhaftet wurde, merkte er, dass etwas nicht stimmt. Sie sei selbst für die Taten verantwortlich. Dass sie sagte, sie habe doch genug Geld gehabt und nicht nötig gehabt zu stehlen, lassen die Richter nicht gelten. «Auch Leute, denen es gut geht, werden straffällig», so der Richter. Er kommt zum wichtigsten Punkt: «Der Missbrauch des Vertrauens wirkt am schwersten. Das waren ja keine fremden Leute. Sie haben da gearbeitet, kannten die Leute», hält er ihr vor.

Die Beweislage sei erdrückend gewesen. Da erstaune es, dass sie nicht geständig sei. Für die Irreführung der Rechtspflege wird sie mit der Geldstrafe bestraft. Mit der bedingten Strafe kommt sie davon, weil sie keine Vorstrafen aufweist.

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