Universität Zürich

Wie Unterhaltungsfilme Beschneidungen verhindern

Forschung Ein Team der Uni Zürich um Wirtschaftswissenschafter Ernst Fehr hat ein vielversprechendes Mittel gegen die Mädchenbeschneidung gefunden: Unterhaltungsfilme, die nicht beschnittene Frauen positiv darstellen.

Thomas Schraner
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Ein Team der Universität Zürich beschäftigt sich mit dem Thema Mädchenbeschneidung und wie ein Umdenken in gewissen Afrikanischen Kulturkreisen entstehen kann.

Ein Team der Universität Zürich beschäftigt sich mit dem Thema Mädchenbeschneidung und wie ein Umdenken in gewissen Afrikanischen Kulturkreisen entstehen kann.

Keystone

Die grausame und gesundheitsschädigende Praxis von Mädchenbeschneidungen hält sich hartnäckig in verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens, obschon sie auch dort teilweise verboten ist wie in Europa. Laut Fachleuten finden jährlich zwei Millionen Beschneidungen statt, weltweit sind 125 Millionen Frauen beschnitten.

Ein interdisziplinäres Forscherteam der Uni Zürich um den bekannten Wirtschaftswissenschafter Ernst Fehr hat sich dem Thema angenommen. Einerseits interessiert auch in der Ökonomie die Frage, wie sich Normen und Einstellungen verändern lassen.

Anderseits handelt es sich bei der Beschneidung um ein brennendes Problem, wie Sonja Vogt erklärt. Die promovierte Soziologin befasst sich seit 2011 mit Mädchenbeschneidungen und gehört zu Fehrs Forscherteam.

Vogt sieht zwei Hauptgründe, weshalb die Mädchenbeschneidung tief verwurzelt ist. Auf der einen Seite sind es religiöse oder traditionsbedingte Vorstellungen. Sie suggerieren, dass nur beschnittene Frauen moralisch integer sein können. Auf der anderen Seite spielt die Heiratsfähigkeit eine zentrale Rolle. Nur beschnittene Frauen, so die Befürchtung, fänden einen Partner.

Allerdings sind Beschneidung auch in Afrika und Asien nicht unbestritten. Laut Vogt gibt es häufig sogar innerhalb der Familien unterschiedliche Ansichten. Dies selbst in Ländern wie dem Sudan, wo laut Vogt 87 Prozent der Frauen beschnitten sind.

Weil Beschneidungen auch tabuisiert sind, ist es laut Vogt schwierig, überhaupt darüber zu sprechen. Das Forscherteam glaubt nun, einen vielversprechenden Weg gefunden zu haben, das Thema in den betroffenen Ländern aufs Tapet zu bringen und dabei die Einstellungen in die gewünschte Richtung zu lenken: Unterhaltungsfilme, in denen die Protagonisten über das Für und Wider von Beschneidungen sprechen. Sie enden jeweils so, dass die Darsteller am Ende auf die Beschneidung verzichten.

Heiratschancen im Fokus

Die Forscher experimentierten mit verschiedenen Filminhalten und stellen fest, dass gewisse Elemente entscheidend sind. Vogts Erkenntnis: «Die Filme zeigen dann die beste Wirkung, wenn sie aufzeigen, dass nichtbeschnittene Frauen von persönlichen Vorteilen wie Gesundheit profitieren und wenn klar wird, dass auch Unbeschnittene beste Heiratschancen haben.» Den psychologischen Wirkungsmechanismus erklärt Vogt mit der Identifikation der Zuschauer mit den positiv dargestellten Charakteren.

Für die Filmproduktion arbeiteten die Forscher während zweier Jahre mit Drehbuchautoren und Schauspielern im Sudan. Gedreht wurde in einem Familienverband in einer ländlichen Gegend ausserhalb von Khartum. «Mit unserer Forschung können wir nun aufzeigen, in welche Richtung der Kampf gegen die Beschneidung gehen sollte», sagt Vogt. Unterhaltungsfilme hätten den Vorteil, dass sie von breiten Bevölkerungsschichten verstanden würden. Direkte Belehrung wirke weniger. Denn so würden vor allem die bereits Überzeugten erreicht.

Die Forscher experimentierten mit vier Versionen eines Spielfilms. In der Haupthandlung geht es dabei um Liebe, Intrige und Betrug bei einer Familie im Sudan. Drei der vier 90-minütigen Filme enthielten eine 27-minütige Nebenhandlung über Töchter im Beschneidungsalter. Nur diese Nebenhandlung enthielt die entscheidenden Passagen zur Beschneidung: Version 1 thematisierte die persönlichen Vorteile (Wertvorstellungen) und Version 2 die Heiratsfähigkeit. Version 3 war eine Kombination der beiden. Und diese erwies sich als die wirksamste. Version 4 – jene ohne Nebenhandlung – verwendeten die Forscher als Kontrollvariante.

Um die wirksamste Version zu ermitteln, zeigten die Forscher die Filme 8000 Personen aus 127 Gemeinschaften im Sudan. Nach dem Film mussten die Zuschauer einen Test absolvieren, der ihre Einstellung zu unbeschnittenen Mädchen offenlegte. Offen ist nun noch die Frage, wie dauerhaft die veränderten Einstellungen sind.