Reisen

«Wir reisen kürzer und intensiver»: Ein Interview über das Reiseverhalten von Herr und Frau Schweizer

Andreas Liebrich ist Professor für E-Tourismus an der Hochschule Luzern. Schweizer wollen sich in den Ferien selbst verwirklichen, sagt er.

Sibylle Egloff
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«Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Reisebüros in der Schweiz um mehr als die Hälfte reduziert.»

«Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Reisebüros in der Schweiz um mehr als die Hälfte reduziert.»

Limmattaler Zeitung

Herr Liebrich, immer mehr Leute buchen ihre Ferien online. Wird es Reisebüros künftig überhaupt noch brauchen?

Der Trend geht dahin, dass Reisende Internetplattformen dem Reisebüro vorziehen. Um die Jahrtausendwende war es erstmals möglich selbst online zu buchen. Seitdem hat sich die Zahl der Reisebüros in der Schweiz um mehr als die Hälfte reduziert. In dieser Branche kann man sich nicht ausruhen. Die Reisebüros, die heute aber noch bestehen, haben bewiesen, dass es möglich ist, zu überleben. Wichtig ist, dass sie auf die Bedürfnisse der Reisenden eingehen und Veränderungen nicht scheuen.

Wie sehen die Bedürfnisse der Reisenden denn aus?

Man will effizient reisen. Das heisst, man will weniger lang an einem Ort bleiben, aber trotzdem viel sehen und erleben. Wichtig für Touristen ist zudem die Spontanität. Es wird kurzfristig gebucht, aber auch abgesagt.

Das war früher sicher anders. Wie hat sich das Reiseverhalten der Schweizer verändert?

Wir reisen kürzer, intensiver und öfter. Der Stammgast ist eine aussterbende Spezies. Heute will man Neues kennen lernen und nicht immer an dieselben Orte reisen und in den gleichen Hotels übernachten. Hinzu kommt, dass man nicht immer auf dieselbe Art reisen will. Im Sommer geht man etwa campen, im Winter übernachtet man in einem Fünf-Sterne-Hotel und über Ostern kommt man in einer Airbnb-Unterkunft unter. Das macht es für das Tourismus-Marketing schwierig einzuschätzen, wie sich der Gast bei der nächsten Reise verhält. Allgemein ist der Schweizer reiseerfahren und bevorzugt Individualreisen, die er oft selber zusammenstellt. Er will sich in den Ferien verwirklichen.

Wohin reisen Herr und Frau Schweizer am liebsten?

Genaue Angaben zu den Destinationen sind schwierig. Was man sagen kann, ist, dass der Trend Richtung Städtereisen und Sun-and-Beach-Reisen geht. Die Anzahl Berg- und Erholungsferien im Grünen nimmt tendenziell ab und beschränkt sich auf Tagesausflüge.

Online buchen scheint kinderleicht. Es gibt aber doch ein paar Stolpersteine. Worauf muss man achten?

Genaues Lesen ist zu empfehlen. Bei einer Reisebuchung handelt es sich um einen Vertragsabschluss. Bevor man bucht, sollte man sich vergewissern, dass man nichts vergessen hat. Das Gepäck ist nicht mehr automatisch dabei. Das ist von den Airlines und Ferienplattformen so erwünscht. Sie können mit einem niedrigeren Preis werben. Zudem sollte man Angebote im Ausland nur auf vertrauenswürdigen Portalen, bei einer Tourismusorganisation oder direkt beim Anbieter buchen. Es kann auch nützlich sein, bei den Hotels anzurufen, insbesondere wenn man spezifische Bedürfnisse hat. Das schafft mehr Sicherheit. Leuten mit wenig Reiseerfahrung rate ich für internationale Reisen den Gang ins Reisebüro.

Sie beschäftigen sich mit der Digitalisierung im Tourismus. Derzeit arbeiten sie an einer App, die als Destinationskommunikationssystem dienen soll. Was wird Reisende künftig erwarten?

Der Buchungsprozess ist bereits digitalisiert. Und auch die Beliebtheit der Bewertungsportale zeigt, dass das Feedback online stattfindet. Nun geht es darum, Prozesse am Aufenthaltsort zu digitalisieren. Die Tickets für Museen und Aktivitäten sollen ebenso online gebucht werden. Auch den Check-in und Check-out in Unterkünften könnte man optimieren. Der Zimmerschlüssel fürs Hotel könnte der Reisende etwa im Voraus zugeschickt bekommen oder er könnte einen Code erhalten, mit dem er den Schlüssel im Hotel selbst beziehen kann. Ein Blick nach Japan zeigt, dass die Digitalisierung aber noch weiter geht. In Tokyo gibt es ein von Robotern betriebenes Hotel.

Welche weiteren Faktoren werden den Tourismus beeinflussen?

Die Energiepreise spielen eine wichtige Rolle. Mit Strom kann man Autofahren, aber noch nicht als Passagier fliegen. Die Entwicklung der Kerosinpreise ist entscheidend. Terror ist ein anderer Faktor, der das Reiseverhalten beeinflusst. Städte könnten gemieden, das Meer und Randgebiete bevorzugt werden.